Ein Abend im „Maison Viet“ in der Gottschedstraße, 05. Februar 2020

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Schon lange ist die Gottschedtstraße ein teures Pflaster. Umso mehr erstaunen Größe und Ausstattung des vietnamesischen Restaurants „Maison Viet“: vier großzügige Fensterfronten, leuchtende Lampions, frische Blumen und Kerzen am Eingang, im Innenbereich mehr als 100 Plätze, Tische für jeweils mindestens sechs Personen, viel Holz, florale Fliesen, Pflanzen und Deko, soweit das Auge reicht. Sogar die WCs sind thematisiert. Schade nur, dass das alles irgendwie austauschbar wirkt und an das ähnlich inszenierte „Viet Village“ im Musikviertel erinnert. Unweit bieten „Inside Asia“ und „An Nam“ ebenfalls vietnamesische Küche, die wegen ihrer kolonialen Vergangenheit natürlich einen besonderen Reiz hat. Die Franzosen führten Kaffee und Baguette ein. Die Reisnudelsuppe auf Basis einer Rinderknochenbrühe – genannt Pho, das Kultgericht schlechthin – gab es immer schon. Klassisch mit Rind oder Huhn, finden wir sie sofort auf der Karte, wählen aber „wantan soup“ mit Teigblättern, Gemüse und Garnelen, abgeschmeckt mit Sesamöl und Koriander. Dazu kommen Frühlingsrollen aus geröstetem Reispapier und ein Thunfisch-Avocadosalat. Alles ist frisch und dekorativ angerichtet. Selbst aus dem Suppenschälchen ragt ein formvollendetes Salatblatt. Vietnamesische Küche ist mild. Wir greifen deshalb zu den Gewürzen auf dem Tisch. Ingwer- und Zitronengrastee munden vorzüglich. Das gegrillte Hähnchen vom Lavasteingrill, ergänzt durch knackiges Gemüse – Brokkoli, Brechbohnen und Salat – hätte etwas mehr Sauce vertragen können. Die Elemente wollen sich nicht recht verbinden. Breiig ist die Konsistenz der frittierten Reisküchlein am Tellerrand. Vermutlich soll das so sein. Je länger wir kosten und bleiben, desto mehr wünschen wir uns Kerzen auf den Tischen statt der hellen Deckenleuchten. Fazit: Wer in großer Gruppe unterwegs ist und schnell etwas aromatisch Frisches essen möchte, ist hier richtig. Für ein Date oder den besonderen Moment sollte es lieber ein anderer Ort sein.

Maison Viet, Gottschedstr. 4, 04109 Leipzig, Tel. 0341 94568949, Montag bis Sonntag von 11.00 – 23.00 Uhr

 

 

Salongespräch zum Neujahrsempfang, GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, 29.01.2020 um 19.00 Uhr

 

„Woonkamer: Museum der Zukunft“ nennt die Direktorin Léontine Meijer-van Mensch das neue Format des GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig. In Anlehnung an die Idee der Salongespräche möchte sie mit dem Publikum und ihren Mitarbeitern über neue Perspektiven für das Völkerkundemuseum sprechen – so die Ankündigung in der Einladung.

Großzügig schenkt die Direktorin farbigen Sekt nach, eilt wie eine flinke Kellnerin durch die Stuhlreihen und ist sichtlich bemüht, maximale Nähe herzustellen. Im Publikum sitzen Vertreter des Medienclubs Leipzig, Mitglieder des Förderkreises und  ihr Team. An der Wand findet sich das Projekt „Re-Inventing GRASSI 2023“ illustriert. Das ethnologische Museum wird in den nächsten drei Jahren umgestaltet und jeder kann sich beteiligen – anmelden, was er sich zukünftig von den einzelnen Instanzen wünscht – vom Objekt, dem Kurator und seiner Chefin, dem Vermittlungsteam bis hin zum Hausmeister.

Leider verheddern sich die Akteure des Abends in der Unschärfe der Einladung. Mal fühlt es sich an wie eine teambildenden Maßnahme für die Mitarbeiter – Arbeitsgebiete werden vorgestellt und die Verantwortlichen übertrieben eloquent von Meijer-van Mensch inszeniert, mal lauschen wir einem engagierten Förderkreismitglied, das die Sammlung in Vergessenheit geraten sieht bei all der Nabelschau und Neuerfindung des Museums, mal biedert sich ein fremder Multiplikator an, der auch zum neuen „Netzwerkmuseum“ dazugehören möchte.

Die steife Kinobestuhlung trägt dazu bei, dass einzig die Direktorin gut zu erkennen ist. Mit Entertainerqualitäten führt sie uns durch diesen Abend, dessen verschwommenen Ziele zum Veränderungsprozess des Hauses passen. Denn nur zu oft betont sie, dass Fehler gut seien, um daraus zu lernen. Für den nächsten Abend „Woonkamer: Museum der Zukunft“, der bereits Ende Februar stattfinden wird, wünschen wir uns zunächst – ganz schlicht – eine passende Bestuhlung.

 

Bäckerei und Konditorei Herzog in der Keilstraße, 22. Januar 2020

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Die seit dem 1. Januar eingeführte Kassenbonpflicht verpflichtet auch Bäckereien zum Ausdruck von Kassenbons. Zwar werden Brot, Brötchen, Gebäck und Kuchen eher selten umgetauscht, doch sind die Bons unumgänglich. Die Belegausgabepflicht versteht sich hier genauso als Maßnahme gegen Steuerbetrug – sprich das Beiseitelegen von Schwarzgeld, soll Transparenz ermöglichen und letztlich für mehr Steuergerechtigkeit sorgen.

Von dieser hehren Absicht findet sich in der Bäckerei und Konditorei Herzog keine Spur: Die circa 300 Kassenbons der letzten 1,5 Tage – genervt über einen ungenutzten Tresen in Nähe des Kassenbereichs geworfen – erscheinen als drohendes Mahnmal. Die Teamchefin erklärt: „Wir wollen damit darauf hinweisen, was dieses Ausdrucken der Kassenbons für uns bedeutet.“ Die Entsorgung erfolge derzeit als Sondermüll. Ob das richtig sei, wisse sie jedoch auch nicht so genau.

Schon jetzt gelten elektronische Belege als Mittel der Zukunft. Zumindest entfiele dann der Müll. Für einen mittelständischen Betrieb bedeutet die erforderliche Erneuerung des Kassensystems natürlich eine Großinvestition. Wer kleine Brötchen backen möchte, ist damit raus.

Premiere „Das Vorspiel“ im Passagekino, 15. Januar 2020

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Ein roter Teppich markiert den Eingang in den Kinosaal. Zusätzliche Absperrungen sorgen dafür, dass Regisseurin Ina Weisse und der Star des Abends, die Hauptdarstellerin Nina Hoss, rasch an Ort und Stelle sind. Denn Zeit haben die Beiden kaum. 90 Minuten später werden sie zur nächsten Premiere in Halle erwartet.

Das angekündigte Filmgespräch findet deshalb bereits vor dem Film statt. Entsprechend allgemein sind die Fragen der bemühten Gastgeberin und des irritierten Publikums. Banal plätschert es dahin. Im Film gehe es um eine Geigenlehrerin, die einen Jungen fördere, einen Ehemann habe sie auch und einen Liebhaber – so viel muss Ina Weisse vorab verraten. Nina Hoss habe Geigenunterricht genommen, da sie noch nie zuvor gespielt habe. Ein Handdouble kam schließlich zum Einsatz. Weisse nennt Drehorte, auch das Café Hentschel am Markt in Halle. Hoss antwortet auf die Frage, ob die Figur der Geigenlehrerin etwas mit ihr gemacht habe und sie danach eine andere geworden sei, in etwa: „Na ja, jede Rolle verändert mich irgendwie und macht etwas mit mir, diese sei besonders spannend gewesen.“ Ach ja?

Schade, dass die Regisseurin nach dem Film nicht zu sprechen ist. Gerne hätten wir ihr gesagt, dass Nina Hoss in den Filmen von Christian Petzold großartig ist. Weisses plumpes Drehbuch hingegen ist ein unnötiges Etwas, vermutlich sogar ein Ärgernis – zu offensichtlich die Zugeständnisse an existierende Fördermöglichkeiten: der französische Ehemann der Geigenlehrerin, ihre bilinguale Ehe samt Erziehung des Kindes – Motive, die zum Rest der Story nicht recht passen wollen, in Anbetracht der hohen Fördersumme der Deutsch-Französischen Förderkommission jedoch plausibel. Gleiches gilt für die Schauplätze in Berlin (Förderung durch das Medienboard Berlin-Brandenburg) und in Halle (Mitteldeutsche Medienförderung). Krampfhaft müssen auch diese Orte zusammengebracht werden und verschwinden letztlich in gesichtsloser Beliebigkeit. Für eine stimmige Wohnungskulisse reichte das Budget dann anscheinend gar nicht mehr. Immerzu schauen wir auf langweilige Ikea-Regale als Hintergrund, die uns an Studentenwohnungen der frühen 90er erinnern.

Was für eine vertane Chance: ein schlechter Film mit einer tollen Hauptdarstellerin! Nina Hoss hätten wir bessere Drehbedingungen gewünscht.

 

14. Leipziger Neujahrssingen, Felsenkeller, 04. Januar 2020

 

 

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Für viele ist es ein Kultereignis. Einmal im Jahr präsentiert das Leipziger Neujahrssingen Leipziger Gastronomen und Medienleute als Superstars. Unter dem Motto „I like to move it move it“ findet die 14. Ausgabe erstmals im Felsenkeller statt.

Einlass ist bereits 90 Minuten vor Showbeginn, der Umsatz an den drei Bars entsprechend hoch. Publikumskaraoke zu Hits wie „Griechischer Wein“ und „Er gehört zu mir“ heizt die Stimmung an. Und alle, die wenige Tage nach Silvester noch einmal ausgiebig grölen, zappeln und sich selbst vergessen möchten, kommen hier auf ihre Kosten. 

Die Tonübertragung des Showprogramms ist leider schlecht, die Singstimmen der Solisten kaum zu verstehen. Doch dem Veranstaltungserfolg tut dies keinen Abbruch: bombige Stimmung, als die Damen des „Amtsblatt“ für den ersten tänzerischen Höhepunkt sorgen. Gefeiert wird noch bis weit nach Mitternacht. 

 

 

 

Eröffnung „SILBER auf GLAS. Leipzig-Fotografien Atelier Hermann Walter 1913-1935“, Stadtgeschichtliches Museum, 10. Dezember 2019

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Der Ausstellungtitel „Silber auf Glas“ beschreibt das aufwändige Handwerk, das der Fotografie zu Beginn des letzten Jahrhunderts innewohnte. Glasplatten wurden mit einer hochsensiblen Silberlösung imprägniert, so dass eine dauerhafte Verbindung entstand. Diese macht es bis heute möglich, hochwertige Reproduktionen herzustellen.

Das Plattenarchiv der Leipziger Firma Hermann Walter mit rund 4000 Aufnahmen ging in den Besitz des Stadtgeschichtlichen Museums über. Erstmals zeigt nun die Schau eine Auswahl aus den Jahren 1913 bis 1935: herausragende Stadtarchitektur, Arbeiterinnen und Arbeiter, aber auch private Momente – wie das gemeinsame Baden im Elsterflutbecken oder ein Besuch im Zoo.

Die dominante Ausstellungsinszenierung mit dunkelgrauen Stellwänden macht den Fotografien unnötig Konkurrenz. Hier wäre Zurückhaltung mehr gewesen. Auch die mäßig organisierte Eröffnungsveranstaltung, die das Publikum vor allem Hinterköpfe und Rücken sehen ließ, wäre besser vorzubereiten gewesen.

Die sehenswerten Fotografien sind noch bis zum 19. April 2020 zu erleben. Zur Finissage werden einige der ausgestellten Fotodrucke zugunsten der Hieronymus-Lotter-Gesellschaft versteigert.

Mittagspause bei „Emma’s Feinfood“, 06. Dezember 2019

e.jpgWer schon einmal in der Bretagne unterwegs war, kennt das Original: Crêpe, die bretonische Form des Eierkuchens. Traditionell auf einer runden, gusseisernen Platte gebacken, ist dabei der richtige Einsatz des Teigrechens entscheidend für ein gutes Ergebnis. Gleichmäßig und dünn soll es sein. In dieser Kunst versucht sich nun auch „Emma’s Feinfood“ und schließt damit eine Lücke in der Jahnallee, die zwar reich an Döner- und Pizzaläden ist, für Liebhaber süßer Leckereien jedoch bislang wenig bot. Gleich vier Personen können am runden Tisch Platz nehmen und durch die große Scheibe zusehen, wie der täglich frisch zubereitete Teig gekonnt verstrichen wird. In schmucken Gläsern stehen Streusel, Schokoladen, Kekse und vieles mehr für den Wunschcrêpe bereit. Bewusst wird dabei mit Originalen geworben: Nutella, Bounty, Mars & Co. Wem das zu viel kapitalistische Warenästhetik ist, der greift zu saisonal wechselnden Früchten, Eis, Sahne, Apfelmus oder der herzhaften Variante mit Schinken und Käse. Für den großen Hunger gibt es fünf verschiedene Galettes mit mindestensvier Zutaten wie Bergkäse, Schinken, Mozzarella bis hin zu Serrano, Parmesan, Tomaten, Balsamico und Frischkäse. Die Portionen sind reichlich und im Vergleich zum süßen Crêpe deshalb auch deutlich teurer.

Eisgetränke, Softdrinks, Spirituosen und diverse Kaffeegetränke stehen zudem zur Auswahl. Ich starte mit einem einfachen Crêpe ohne viel Schnickschnack und werde nicht enttäuscht – tolle Konsistenz, hübsch zusammengeklappt und galant mit Puderzucker bestäubt. Entspannt wirken auch die Tischnachbarn. Felix, der gleich um die Ecke wohnt, freut sich über die Neueröffnung. Nur die Schließzeit sei mit 20.00 Uhr zu früh. Zum Wohlfühlen trägt sicherlich auch die freundliche Atmosphäre des poppig eingerichteten Ladens bei, in dem Gold und knalliges Pink gute Laune verströmen. Namensgeber ist übrigens die französische Bulldogge Emma, Schoßhündchen des Teams und eine weitere Reminiszenz an das Ursprungsland der Crêpe.

Emma’s feinfood, Jahnallee 21, 04109 Leipzig, Montag – Sonntag von 10.00 – 20.00 Uhr, geschlossen an Feiertagen