Cospudener See, 30.08.2017

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Ein Schwarm ist eine große Anzahl von Tieren der gleichen Art, die sich scheinbar ungeordnet gemeinsam fortbewegen. Daran denke ich, als ich zu später Stunde entgegen den Strom auf meinem Rad Richtung Nordufer des Cossi fahre. Es ist der letzte heiße Sommertag, der Baden im See, Lagern am Ufer und neue Mückenplage verheißt. Die vielen schlichten Retroräder, Gepäckträger vorne, meist ohne aufgeschnallten Inhalt, rehenhafte junge Mädchen, deren Spannungsbogen sich zwischen Tanktop und Kleidchen mit Spaghettiträgern erschöpft, gesäumt von jungen Männern, die selbstverständlich immer noch diese ungepflegten Vollbärte tragen, stehen für Semesterferien ohne Reue, deren größter Inhalt „Chillen“ und „sich einfach mal keine Platte machen“ heißt. Angekommen zwischen Schilf, nach erledigter Aufräumarbeit, die bedeutet, drei ausgetrunkene Bierflaschen so weit wie möglich in den Hinterhalt zu schieben, zumindest so, daß ich sie nicht mehr zu sehen brauche, möchte ich beginnen, wieder die nahenden Enten zu beobachten, so wie damals mit D. Doch die zwei jungen Männer im Wasser sind ungeahnt laut. Es geht gar nicht anders als zuzuhören. Und was erfahre ich? Abgenommen hat der eine, seit er regelmäßig Sport macht, Kraftsport, versteht sich. Ja, jetzt müsse man sich dann wohl auch anders ernähren. Mehr Eiweiß, und so. Da könne man mal was im Internet lesen. Und wenn er dann noch zukünftig das Bier weglassen würde, das wäre echt „krass“. Noch mehr Gewichtsverlust, einfach so. Nun geht die junge Frau in’s Wasser: eine schwarze Miederhose mit beigefarbenem Still-BH. Ich bin zu weit weg von dieser Szene, als daß ich einzuschätzen wüßte, ob dies ein modisch-mutiges Statement ist oder einfach nur Still-Laissez-Faire. Zumindest ist der Säugling im angegliederten Kinderwagen – selbstredend in Dunkelblau – erstaunlich still. Aus dem Wasser kommend, zieht sie sich oben herum aus. Bewundernd erkenne ich an, daß beide Jungs davon keine Notiz zu nehmen scheinen. Zu sehr sind sie mit weiteren Fragen ihrer nächsten Herausforderung beschäftigt. Die Freundin des Freundes desjenigen, der dank Sport so erfolgreich Gewicht verloren hat, wird während des baldigen Fernostaufenthaltes Geburtstag haben. Zu wenig Zeit war für die Vorbereitung eines phantasievollen Geschenks. Nun ist es ein Fred-Perry-Shirt geworden, glücklicherweise dank der Bekanntschaft mit X um 30% preisreduziert. Frau Still-BH schaltet sich ein: Ach, das sind diese T-Shirts mit dem Affen. Das ist Paul Frank, möchte ich schreien – was für ein Faux Pas, aber das geht natürlich nicht. Der zweite Mann interveniert, beteuert, in seiner Stufe damals in der Schule sei kein Markenbewußtsein gewesen. Fred Perry schwindet dahin. Tatsächlich kommen erste Enten in meine Richtung. Schade, das Telefon klingelt. Dateien hatten nicht heruntergeladen werden können. Wie absurd, das am See verhandeln zu müssen. Die Gruppe links von mir bricht auf. Der letzte Bus fährt bald. Und wer möchte schon bei Dunkelheit am Cossi verharren. Morgen feiert Annika Geburtstag, geht es weiter. Erst einmal ein total gechilltes Frühstück, dann Bouldern und abends die Party. Sei das nicht ein bißchen viel auf einmal, möchte Madame wissen. Doch die anderen sind sich sehr sicher: Was kann es Besseres geben, als den Geburtstag komplett im Freundeskreis zu verbringen – von morgens bis in die Nacht – voll ausgeschöpft. Auch mich erschöpft dieses Geplapper, das langsam versiegt, je näher  der Bus kommt. Soll ich Heldin spielen und alle ausgetrunkenen Bierflaschen wie Ostereier im Schilf suchen und in meinem Fahrradkorb Richtung Innenstadt transportieren, in einem Späti abgeben und mir nachts die Medaille für Umweltschutz an’s Revers heften? Nein, nicht mit mir. Der Rückweg ist eine Abfolge von roten Rücklämpchen, die sich paarweise zurück in’s Zentrum bewegen. Einzelne Raser müssen viel Staub aufwirbeln, um drei Minuten früher den Bahnübergang zu erreichen. Wir warten im Schwarm. Am Wildpark machen die besonders Lustigen mit vollem Lippen- und Gutturaleinsatz vermeintliche Wildschweingeräusche. Ich bin so froh, daß sie alle jetzt hier sind – Millenials – oder wie immer sie benannt werden möchten. So viel erfrischender sind sie als die Rollerblades-Familien, die ich ehedem mit der Umrundung des Cossi verband, Kampfhund inklusive. „Brot und Kees“ muß eine Goldgrube sein. Mindestens ein Viertel des Schwarms hatte sich dort noch für eine vegane Kugel Eis von was auch immer entschieden. Mutige kauften wohlmöglich die Gebäcktüte für 5,60 Euro. Ich bin traurig, nicht häufiger am See gewesen zu sein. Die roten Rücklichter leuchten auf der Karli noch einmal auf und lange nach. Das hatten die Eltern ihren Kindern mit auf den Weg gegeben – denk an funktionierendes Fahrradlicht.

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