Previews Spinnerei 09./10.09.2017

Der Herbstrundgang auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei findet in diesem Jahr am 16. und 17.09. statt. Traditionell eröffnen die ortsansässigen Galerien zu diesem Anlaß ihre neuen Ausstellungen und locken eine illustre Gesellschaft aus Sammlern, Kunstinteressierten und Neugierigen an einen der attraktivsten Orte von Leipzig. Was in kleinem Maßstab begann, hat sich als fester Termin im Kalender etabliert, so daß sehr viele Leipziger einfach gerne wegen der besonderen Atmosphäre kommen: Kunst und Leute gucken, zwischendurch einen Cappuccino oder eine Schorle trinken, das Gefühl haben, mitten „drin“ zu sein und umringt von kaufkräftiger Klientel, die sonst nur zum Bachfest in die Stadt kommt, geschäftstüchtigen Galeristen, Künstlern und Schaulustigen.

 

Dieses Konzept ist jetzt überraschenderweise aufgeweicht, da eine Vielzahl von Previews bereits am Wochenende zuvor stattfindet. Alle zeigen neue Arbeiten, weshalb der Rundgang im Grunde einfach eine Woche hätte vorverlegt werden können. Uns bleibt schleierhaft, warum das so ist, doch ist das Separatistische möglicherweise beabsichtigt. Terminkollisionen mit den Berliner Aktivitäten – Messe und noch mehr Eröffnungen – sollten wohl vermieden werden.

Ich stehe vor einem riesigen Eisberg aus Styropor, dessen Kubatur erstaunlich echt wirkt. Ein kleines Häuschen, möglicherweise eine Forscherstation, krönt den Berg und rutscht dabei fast hinfort. Mittig gibt es eine vertikale Schlucht, die dem Gebilde etwas von Architektur verleiht. Meine Perspektive auf den Eisberg existiert im Grunde gar nicht. Selbst von einem U-Boot aus hätte ich die Szenerie so niemals beobachten können.

In der Galerie THE GRASS IS GREENER wird uns Prosecco angeboten. In der Schüssel auf dem viel zu hohen Tresen stehen Erdnussflips bereit. Warum sollen sich die Galeriebesucher hier wie Kindergartenkinder fühlen, die nur mit Mühe über die Kante schauen können? Dahinter zwei hünenhafte Wesen… Die freundliche Mitarbeiterin erklärt es. Die Höhe verdankt sich der Situation beim Hereinkommen. Da der Boden von der Tür aus massiv abfällt, braucht es vor allem gute Proportionen beim Erstkontakt. Der Blick auf einen unordentlichen Backoffice-Bereich wäre logischerweise keine gute Visitenkarte gewesen.

Gegen 19.30 Uhr macht sich Geschäftigkeit breit. Einige haben die erforderlichen lilanen Bändchen, um am Galeristendinner in Halle 14 teilzunehmen, andere nicht. Das Essen sei bei diesen Anläßen ohnehin nie gut, erfahre ich. Ja, geradezu scheußlich und schlecht. Wenn, dann solle man besser erst zur Party ab 23 Uhr kommen, andererseits, da man ja jetzt schon einmal hier sei… P. bietet an, nachdem er mit Bändchen am Türsteher vorbeigegangen sei, dieses H. herauszureichen, damit dieser es dann mir ummachen könne. P. bräuchte es natürlich wieder zurück danach.

Ich lasse mich darauf ein und befinde mich nun in einem schlicht dekorierten Raum, dessen Weite und Deckenhöhe genauso gut auf eine gepflegte Technoparty verweisen könnten. Statt des DJ-Pultes gibt es eine improvisierte Bar. Mittig stehen runde Tische mit abwechselnd weißen und roten Stühlen – ein bißchen Industrieschick – an den Seiten parallel gestellte Bierzelttische und Bänke. Sehr exakt ist dies alles ausgerichtet. Die mit den Namen der Galerien beschrifteten Tische zeigen an, wer wo sitzen darf. Zwei Tische pro Galerie sind Standard, vermute ich.

Als die ohne Bändchen freue ich mich, daß M. mich auffordert, an einem seiner Tische Platz zu nehmen. Die jungen Männer neben mir sind sehr aufgeregt. Geraucht haben sie schon und jetzt soll die Proseccoflasche mit einem Küchenmesser geköpft werden. Ich kenne diesen Brauch nur von Corpsstudenten mit Säbeln unter anachronistischem Stern, doch macht der Herr hier keine Späße. Auch wenn er zum Ansetzen des Messers hinter unseren Tisch tritt und mir danach viel zu lang berichtet, wie versiert er in dieser Technik sei – die übrigens auf Napoleon zurückgehe – so verheimlicht er nicht, daß er das Köpfen auf seiner eigenen Hochzeit vermasselt habe. Ich verstehe jetzt, warum er dieses Ritual auch zu den unpassendsten Gelegenheiten wiederholen muß.

 

Dinner

 

Wir essen Caponata Sizzili, Focaccia, Zuppa Pavese, Risotto und zum Schluß Panna Cotta. Die angepriesenen Weinbergpfirsiche zum Dessert kommen aus der Dose. Vor meinem inneren Auge tut sich ein Eisbecher Pfirsich Melba der schlechteren Sorte auf. Den Espresso zahlen wir selbst an der Bar.

Bevor die Party schräg gegenüber beginnt, wird geraucht, was das Zeug hält, vornehmlich Tabak ohne Filter. Die Musik im Innenraum ist schlecht, doch alle wollen wir tanzen, reißen unsere Arme in die Luft zu billigem Elektropop und sind dankbar für David Bowie und Talk Talk, die uns um das junge Mädchen in blauer Trainingshose mit Mustershirt kreisen lassen. Die Schönste des Abends hat ihr feines Oberteil in Chanel-Beige mit einem Tropfen roter Soße ruiniert, doch korrespondiert der Fleck farblich mit ihrem Lippenstift. Den Rest richtet der Mantel, der leicht geschlossen geheimnisvoll aussieht.

Tuer

Alle sprechen furchtbar viel, lächeln andauernd und sind eine riesengroße Megagruppe vor der Tür zur Partylocation. Undine erklärt, jetzt nach zwei Jahren sei sie voll „drin“ und mache auch Führungen über das Spinnereigelände. David Zwirner habe in New York wesentlich dazu beigetragen, daß die Leipziger Schule so bekannt sei und das Figürliche gerettet. Fleur, die erst vor kurzem aus Saarbrücken nach Leipzig gezogen ist, sagt, nicht jeder würde auf dieser Welle schwimmen. Bei aspn – sie spricht es „ESPPNN“ aus – sei doch immer wieder auch Konzeptionelles zu sehen. Ich gehe noch eine Runde tanzen – zu dieser schlechten Musik. Trotz der Feuermelder wird nun auch im Innenraum geraucht. Nur so ganz darunter solle man sich bitte nicht stellen.

Gegen 03.00 Uhr fahren wir nach Hause. Der nächste Morgen ist katerfrei.

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