Grassi invites # 4 – Einladung zur Eröffnung, 21./22.09.2017

Grassi

Um 18.00 Uhr wollten wir uns treffen. Ich war viel zu spät dran. Die ganze Stadt war aus mir unbekannten Gründen lahmgelegt und ich kam im Auto einfach nicht schnell genug voran. Am Waldplatz wurde ich geblitzt. Schlechter konnte die Stimmung jetzt nicht mehr werden.

Mein Telefon lag zuhause und empfing Kurznachrichten von L. Er gehe schon mal was essen, die Ausstellung sei nicht so seins. Ich fand schon diese Formulierung eine Zumutung. Später erklärte er, was ihn hatte fliehen lassen: zu viele Leute, nichts konnte er sehen, langweilige Rede, Schlange bei den Getränken. Ich würde ihn erst später sehen, denn dafür war ich zu gespannt auf die Eröffnung.

 

Intro

 

TATTOO & PIERCING hatte eine Fangemeinde junger Tätowierter und Gepiercter angelockt, die sich einerseits selbstverständlich und eloquent in den Sälen und im Foyer bewegte, andererseits überdeutlich machte, wer fehlte – die alteingesessenen Liebhaber des Hauses, meist in Beige- oder Grautönen gekleidet, die Haare nach Trockenshampoo riechend und mit den Nasen immer ganz nah dran an den Vitrinen. Während der offiziellen Grußworte hatten sie freundlich herübergelächelt. Tatsächlich gab es bei dieser Eröffnung so gut wie keinen Menschen, der die 40 überschritten hatte.

Girls

Manche der Anwesenden hatten teilgenommen am Fotoprojekt zuvor. Überlebensgroß waren sie nun auf Flaggen, die als Raumteiler fungierten, zu sehen. Die Europaletten daneben waren mit olivgrünem Samt bezogen – sehr elegant. Begeistert nahmen wir Platz und lauschten per Kopfhörer den sehr individuellen Geschichten. Eine junge Frau hatte ihr Kind in der 30. Schwangerschaftswoche verloren. Die deutsche Gesetzgebung sah damals kein Kindergrab vor, weshalb die tapfere Mutter sich ein Kreuz auf die Hand stechen ließ. Eine andere Person gab an, ihr größtes Ziel sei der komplett tätowierte Körper. Ich konnte schon jetzt kaum noch Haut erkennen, aber an den Arminnenseiten, sehr weit oben, da sei schon noch Platz.

Die Performance begleitete Techno. Wir bildeten einen Halbkreis um die junge nackte Frau mit dem weiß bemalten Körper, die stoisch auf dem Podest hockte und dabei von bunten Mustern und Zeichen angestrahlt wurde. Am spannendsten fand ich den Moment, als sie wieder aufstand. Schnell reichte die Assistentin ein rotes Laken. Klar, ohne Beamerinszenierung kam das irgendwie nicht mehr so cool rüber mit dem Nacktsein.

Performance

L. wartete im Freisitz vor leerem Teller und mit einer Wochenzeitung in der Hand. Der Hubschrauber mit Suchscheinwerfer stand genau über uns und verbreitete Weltuntergangsstimmung. Legida lief wieder, hatte nun auch ich mitbekommen. Der Polizist verdrehte die Augen, während er mir das erzählte. Alle waren wir genervt von der neuerlichen Absperrung in der Innenstadt, dem Polizeiaufgebot, an diesem Abend sogar inklusive Wasserwerfer. L. und ich plauderten belanglos weiter. Immer mehr Polizisten und Demonstranten kamen auf uns zu. L. empfahl, dieses Mal gar nicht erst wählen zu gehen. Man könne ja nun seine Stimme wirklich keiner dieser Parteien geben – am wenigsten wohl dem Gartenzwerg aus Würselen.

Polizei

Plötzlich Tempo. Ein Demonstrant war über die Straßenbahnschienen gelaufen, mindestens 20 Polizisten hinterher. Aus der entgegengesetzten Richtung kamen nun die Legida-Anhänger. Geschlossen stiegen sie in die Straßenbahn, um zurück in ihre Dörfer zu fahren. Ruhe kehrte ein. Polzisten und der Hubschrauber entfernten sich. Auch wir zogen weiter.

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