Schleußig/Plagwitz, 14.10.2017

L

 

In der Holbeinstraße gibt es eine Art Stadtmöbel – ein zwei Meter hohes Regal, das dank solider Ummantelung selbst Regen und eisiger Kälte trotzt. Die zwei Türen lassen sich mit einem einfachen Haken öffnen und schließen. Schüchterne Pappkartons mit abgelegten Taschenbüchern aus dem letzten Urlaub und zwei bis drei ausgeleierten ZARA-Shirts kennt beinahe jeder aus dem eigenen Treppenhaus. Nicht immer finden diese Dinge ein zweites Leben. Doch dieser Outdoor-Schrank professionalisiert das Thema „Wohin mit meinen zu verschenkenden Sachen“ auf’s Angenehmste.

Mit drei großen Kisten fahre ich vor. Schon aus der Ferne erkenne ich zwei weiß gestrichene Holzstühle und eine häßliche Lampe, die rechts daneben stehen. Hoffentlich verkommt dieser Ort jetzt nicht zum Sperrmüllabladeplatz. Im Regal inspiziere ich eine Wolldecke in Herbstfarben. Zwei Paar Schuhe und einige Bücher runden das Tagesangebot ab. Mein Auffüllen kommt zur rechten Zeit und der erste Interessent ist auch schon da. Er möchte am liebsten gleich mit auspacken. Ich bitte ihn zu warten. Und in drei Wochen werde ich schauen, ob noch etwas übrig ist.

Danach im benachbarten Jimmy Orpheus einen Kaffee trinken, war der Plan. Doch könnte der Zeitpunkt schlechter gewählt nicht sein. Weder ein Parkplatz noch einer der attraktiven Tische draußen sind frei. Das Löffel & Co erscheint als gute Alternative und tatsächlich herrscht hier das genaue Gegenteil. Drei Personen, die irgendwie dazuzugehören scheinen, unterhalten sich angeregt vor der Tür und würdigen mich während meines fragenden Ankommens keines Blickes. Ihr Gesprächsthema plätschert dahin, ehe sich Aktivität einstellt. Noch sind alle Tische unbesetzt.

Laub fegt der Mann nun, genau hinter meinem Stuhl, um es später in einen viel zu dünnen, durchsichtigen Müllbeutel zu stopfen. Die Frau kommt rüber und fragt, was ich möchte. Es ist 11 Uhr. Die Sonne scheint. Der Himmel strahlt. Zögernd frage ich nach etwas, das ich frühstücken könne. Ja, nun räuspert sie sich, also so richtiges Frühstück oder so ein Croissant oder so etwas in dieser Art, so zum eigentlichen Frühstücken, das, wieder räuspert sie sich, habe sie gar nicht. Sie macht eine Pause. Ihr scheint etwas einzufallen. Einen bombastischen Schokokuchen könne sie anbieten, der sei gerade fertig. Der sei so mächtig, daß man danach den ganzen Tag gar nichts mehr zu essen brauche. Das klingt in meinen Ohren wie eine Drohung. Ich bestelle einen Milchkaffee.

D. hatte mehrfach Seidels Klosterbäckerei empfohlen, die nicht weit entfernt ist. Parken auf der Karl-Heine-Straße ist zu dieser Uhrzeit entspannt möglich – sogar gleich vor der Tür. Beim Abschließen nehme ich nur kurz eine große Gruppe wahr, die diagonal die Straße überquert, mich jedoch nicht weiter kümmert. Das Angebot in der Bäckerei ist übersichtlich. Mohn- und Zimtschnecken sind schön anzuschauen. Die Brötchenauswahl ist limitiert. Backwaren aus Dinkel gibt es dienstags und donnerstags. Noch im Entscheidungsprozeß werde ich jäh unterbrochen.

In Richtung meines linken Ohres schreit es mit tönerner Männerstimme – sorry sehr für unsere Verspätung. Offensichtlich ist der Verkäufer hinter dem Tresen gemeint, der sich gerade im Kundengespräch mit mir befindet. Weiter geht es in gesunder Lautstärke für alle – nochmals sorry, wir sind noch aufgehalten worden. Die Gruppe quetscht sich nun in den hinteren Bereich um den Bäckertresen. Geschäftig reicht die herbeigeeilte Frau Schmalzschnittchen auf einem großen Brett über die Theke. Die Gruppe stopft, kaut und schweigt. Das müssen wohl diese geführten Gastrotouren sein, denke ich. Ich zahle, packe eine Zimtschnecke, eine Mohnschnecke und ein Roggenbaguettebrötchen in meine Tasche und gehe.

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