Eröffnungen Jasper Morrisson und Delft Porcelain im Grassi Museum für Angewandte Kunst, 22.11.2017

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Olaf Thormann, Direkter des Museums, begrüßt uns mit himmelblauem Schal um den Hals. Er strahlt und kündigt uns fünf weitere Redner an. Ich rutsche auf meinem Plastikstuhl herum. Die Pfeilerhalle ist gut besucht und nur die Stühle ganz außen sind noch frei. Die Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke beginnt. Daß der Begriff Thingness, so der Untertitel der Ausstellung zu Jasper Morrison, kaum in’s Deutsche zu übersetzen sei, hatte Herr Thormann bereits erläutert. Ein Weggefährte von Morrisson aus Berliner Zeiten, als die Mauer noch stand und die Stadt günstige Bedingungen für junge Künstlerkarrieren bot, verweist auf das lateinische Prädikat designare. Bezeichnen und Abgrenzen – diese Begriffe gibt er uns mit auf den Weg, um Morrisons Arbeiten zu verstehen, die allesamt supernormal seien.

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Doch ehe wir den Nebenraum betreten dürfen, gilt unsere Aufmerksamkeit weiteren Grußworten. Noch eine zweite Ausstellung wird an diesem Abend eröffnet. Die Repräsentantin der Niederlande hat pfirsichfarbene Puschel als Ohrringe gewählt, die den Farbton ihres Blazers perfekt treffen. Das Haar ist sehr blond und toupiert. Thomas Rudi, der als junger Volontär am Hamburger Kunstgewerbemuseum das erste Mal mit dem Thema Fayencen in Berührung kam, spricht länger. Er hat die Schau vorbereitet und den Katalog erstellt. Seit der ersten Idee sind nunmehr 15 Jahre vergangen.

Wir starten endlich und finden uns wieder in einer Reihung großer staffeleiähnlicher Gebilde aus hellem Holz. Sie präsentieren in chronologischer Reihenfolge ausgewählte Arbeiten von Morrison. Die beschreibenden Texte sind gleich darüber und geben oftmals Einblick in die Entstehungsgeschichte. Ein Sessel sollte, so die Aufgabe, gut transportabel sein und trotzdem, nach raschem und unkompliziertem Aufbau, ein Gefühl von Heimat vermitteln. Das Objekt aus Holz und Leder blieb ein Prototyp. Viele Entwürfe sind unverhofft vertraut: Gläser, Camper-Sandalen, eine Einkaufstasche, Klappstühle und vor allem die Lampe Glo-Ball, deren Licht an den Mond erinnert. Der Effekt wird erzeugt, indem das weiße Opalglas zwischen zwei Schichten aus durchsichtigem, säuregebeiztem Glas gelegt wurde, erfahren wir.

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A. und ich lassen kein Exponat aus. Die Stimmung ist hochkonzentriert. Viele Studierende der Burg Giebichenstein sind da. Da es sehr voll ist, sehen wir gemeinsam aus wie eine Schlange, die sich in langsamem Tempo fortbewegt. Klar, daß es da auffällt und irritiert, wenn ein Besucher zu lange verweilt und damit die gleichmäßige Fortbewegung verzögert. Einige Betrachtungsweisen überraschen uns unvermittelt. Im ersten Moment denke ich noch, die junge Frau vor mir binde sich gerade ihren Schuh zu oder ihr gehe es vielleicht nicht gut und sie müsse sich einfach nur kurz hinsetzen, doch allmählich verstehe ich, was passiert. Nicht nur sie, sondern auch weitere Studierende gehen tief in die Hocke und recken ihre Hälse weit unter die jeweiligen Sitzflächen der ausgestellten Stühle und Sessel. Dort sind Übergänge und verwendete Materialien zu inspizieren. Schade, daß ich nicht zufällig ein praktisches Gerät dabei habe, mit dem man ganz einfach um die Ecke schauen kann – das ich galant verteilen könnte… Videoendoskope für Jungdesigner – als Gimmick im Museumsshop… Das Ende der Ausstellung markieren große Fotografien von Alltagsgegenständen und grandiose Musik, die über Boxen alle hören und die Morrison selbst zusammengestellt hat.

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Vergleichsweise aus der Zeit gefallen wirken die Fayencen, die konventionell in grell erleuchteten Vitrinen präsentiert sind. Manches wirkt so plump und fehlproportioniert, daß A. sagt, es sähe so aus, als hätte sie selbst das mal versucht. Großartig ist die Mitmach-Aktion für Besucher. Wir können jeder eine kleine Kachel gestalten, die auf einer Wand zusammen mit den anderen Versuchen präsentiert wird. Eddings in verschiedenen Blautönen liegen bereit. Ich entscheide mich für ein einfaches Muster. Andere skizzieren Tiermotive. Ein Herr stellt ein Atomkraftwerk dar. Auf einer Kachel lesen wir schlicht Danke, Rudi! Gerührt denke ich daran zurück, daß von der ersten Idee bis zur Realisierung 15 Jahre vergangen sind. Vermutlich ist das der Aspekt, der mich an dieser Schau am meisten fasziniert. Wir schlendern noch durch die Dauerausstellung, die an diesem Abend bis 21.30 Uhr geöffnet bleibt, ehe wir unsere Räder aufschließen und durch die Nacht nach Hause fahren.

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