Erster Advent in Leipzig, 03.12.2017

 

Die heitere Stimmung des Rokoko, die das Gohliser Schlößchen versprüht, ergänzt am ersten Adventssonntag ein improvisierter Weihnachtsmarkt. Die Holzbuden empfangen uns mit ihrer Kehrseite und konterkarieren damit die einladende Architekturgeste. Doch dafür lächelt der aufgeblasene Weihnachtsmann mit viel heißer Luft im Bauch umso deutlicher. Mit seinem leuchtend roten Kostüm erweist sich dieser rasch als beliebtes Photomotiv.

Eingang

Am größten ist der Andrang am Bratwurststand. Fast 15 Menschen stehen erwartungsfroh an. Auch der Glühwein findet Absatz. Püppchen aus Nepal, Selbstgestricktes, Taschen aus Marokko – ein Sortiment, wie es auch im Eine-Welt-Laden zu finden ist, hat das Nachsehen. Auch wenn es noch so bunt aus den Verkaufshäuschen leuchtet, die Nachfrage fehlt.

Verkauf_2        Verkauf

Im Schloß präsentieren sich Händler aus den unterschiedlichsten Richtungen. Die inhaltliche Klammer könnte Produkte aus Deutschland heißen. Am Eingang stehen zwei stylish anmutende Sorten Schnaps bereit. Und nicht lange wird da gefackelt. Die junge Frau hinter dem Tresen fragt uns keck „Wollen Sie auch mal rot werden?“. Das ist die Aufforderung, das Kirschwasser zu probieren. Um 15 Uhr ist mir noch nicht danach. Andere begrüßen das kostenfreie Angebot. „Pfeffi up your life“ ist dann der zweite Schritt.

Pfeffi1

Es gibt Sofakissen in neuartigen Formen, viel Verkäuferlächeln und leider viel zu wenig, das zum Anlaß und zur Qualität der Räumlichkeiten passt. Entschuldigend sagt dann auch eine der Standbetreuerinnen, nicht alle Adventsmärkte seien so ramschig und durcheinander. Wir sollten doch nächstes Wochenende in die Mädler-Villa kommen. Dort stünde dann neben den Hütten im Garten auch ein großer Zuber bereit. Badeanzug mitnehmen und dann ab in’s heiße Wasser. Noch ein Glühwein dazu und auf die wunderschön illuminierte Villa schauen. Ich bin viel zu irritiert, um zu antworten.

Kissen

Im benachbarten Mediencampus der Villa Ida ist das Niveau höher – entsprechend die Preise. Hier sind Genähtes und Arrangiertes, bemalte Seidentücher und Lampenschirme aus Porzellan von nur einer Person ausgewählt worden, die auch selbst ausstellt. Als ich ihr sage, daß mir ihre Sachen gefallen, ich jedoch nichts kaufen werde, strahlt sie mich an. „Ich bin ein Vier-Jahreszeiten-Betrieb. Das geht auch noch später.“

Ida

Den großen Weihnachtsmarkt in der Stadt umrunden wir, um direkt das Bildermuseum anzusteuern, offiziell Museum der bildenden Künste Leipzig. Gut besprochen sind die neuen Ausstellungen mit Ayse Erkmen & Mona Hatoum und der „Zahle was du willst-Tag“ tut sein Übriges. A. und ihre Mutter zahlen zu zweit zwei Euro. Ich gebe drei. N. ist mit ihren erst zwei Jahren ohnehin frei. Erst einmal Aufwärmen im Café. Die einzelne Dame, die an diesem Wochenende für Bedienung, Abräumen, Zahlen – eigentlich alles – zuständig ist, rotiert zwischen unzähligen Gästen.

Während wir also warten, fülle ich schon einmal die Karte mit den Fragen aus, die wir an der Kasse erhalten haben: Ob ich zukünftig öfter kommen würde, wenn es einen solchen „Pay what you want-Tag“ mehrmals gäbe. Ob wir deshalb gekommen seien. Meine Postleitzahl usw. Wie viel besser wäre es doch, wir wären erst am Ende unseres Besuchs gebeten worden zu zahlen. Sicherlich wären wir dann spendabler, sagt A.s Mutter.

Ticket

Wenig besucht sind die Ausstellungsräume. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freuen sich sichtlich auf ihren Feierabend. Die Lichtarbeit im Treppenhaus, die mit der Frage „Will I be missed?“ lockt, möchte ich mir gerade näher anschauen, doch da geht das Licht auch schon aus – zu spät, fünf Minuten vor Schließzeit, ein anderes Mal also wiederkommen.

Meine ausgefüllte Karte, die ich einer Servicemitarbeiterin anreiche, wirft sie vor meinen Augen und ohne Kommentar direkt in den Müll. Ich sage kleinlaut, auf der Rückseite seien meine Antworten. Das sei doch die Aktion. Nun fischt sie die Karte wieder aus dem Abfalleimer und lächelt – Glück gehabt. Nicht immer ist das so. Die Klangintervention im Beethoven-Raum findet das Servicepersonal so penetrant, dass sie diese nach Belieben einfach ausschaltet. Stimmt, wir sind ja an einem öffentlichen Ort.

 

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