Lichtspiele des Westens, 09.12.2017

Zu Fuß laufen wir über die Klingerbrücke Richtung Westen. Der Wind kommt von vorne und ist eiskalt. Zügig gehen wir weiter. Lichtspiele des Westens hatten wir vor ein paar Tagen auf einer hübsch gestalteten Postkarte gelesen und sind nun neugierig auf die angekündigten Illuminierungen, Aktionen und Basteleien entlang der Karl-Heine-Straße. Es ist nach 19 Uhr. Der Lichtumzug startete bereits ohne uns an der Philippus-Kirche.

Postkarte

Ecke Zschochersche Straße ist die erste Fassade angestrahlt. Wir erkennen ein übergroßes Märchenmotiv und werden durch Musik angelockt. Jetzt sehen wir die kleine Gruppe, die den Rest des Umzugs zu bilden scheint. Sie umringt das übergroße Wesen, das eine anziehende Mischung aus Geist, Schnee- und Mondmann darstellt. Vier Personen bewegen die einzelnen Gliedmaßen, die an Stäben befestigt sind. Gezogen wird das ganze durch eine Art Lastenfahrrad.

M. hat Hunger. Ich auch. Die Asianudeln mit Gemüse, die ein kleiner Stand neben der Schaubühne Lindenfels bereithält, schmecken köstlich, verlieren nur in der Kälte allzu schnell genießbare Temperatur. Doch da kommt auch schon ein hell erleuchteter älterer Herr auf uns zu und bittet uns in sein Reich. Hallo, ich bin der Wunschwächter, sagt er freundlich und führt uns hinein in das Stadtteilbüro. An drei Tischen fertigen eifrige Hände Laternen und beschriften diese mit ihren Wünschen. Der Herr nimmt sie dann mit und hängt sie draußen in die Bäume.

Wunsch_1

Wir möchten nicht basteln, essen unsere Nudeln im Warmen auf und kehren zurück auf die Freitreppe vor der Schaubühne Lindenfels. Gegenüber wird auf der gespannten Leinwand ein Film ohne Ton gezeigt. Es sind scherenschnittartige Szenen wie aus einer anderen Welt, die uns zu späterer Stunde nochmals in einem Fenster im benachbarten Haus begegnen.

Wir wollen irgendwo hinein und ziehen weiter Richtung Westwerk. Die große Halle bietet drei Stände. Wir stürzen uns begeistert auf Restposten von Seife aus den 30er Jahren. Sparmädel erobert unsere Herzen im Fluge und die Verkäuferin betont noch, daß die Seife sehr rückfettend sei – wir die Handcreme also zukünftig weglassen können.

Seife

Draußen steht der DJ auf verlorenem Posten, auch wenn das Licht, das die benachbarte Discokugel verströmt, unschlagbar ist. Nun kommt der Mondmensch in den Hof und dort zur Ruhe. Die Jungs, die ihn gesteuert hatten, holen sich erst einmal einen Glühwein.

Maennchen

Wir schlendern zurück und vorbei an weiteren Lichtinstallationen. Illuminierte weiße Kanister auf einem Holzgestell und die ersten Wunschlaternen erstrahlen. Nur leider fehlen weitere Teilnehmer dieser Lichtspiele des Westens – mutig, eine solche Veranstaltung zu dieser Jahreszeit und mit so großer Konkurrenz unzähliger Weihnachtsmärkte durchzuführen, sagt M.

Im Wullewupp ergattern wir einen attraktiven Sofaplatz und wärmen uns auf, nachdem wir im Hafen, dem Laden für schöne Dinge, ein liebevoll arrangiertes Sortiment – Postkarten, Geschenkpapier, Stifte, Lakritz und Sawade-Pralinen aus Berlin – bewundert hatten. Ist fast schon so wie im Prenzlauer Berg, denke ich. Auch andere finden das und M. holt das Infoblatt hervor, das uns Aktivisten in die Hand gedrückt hatten. Stoppt die Gentrifizierung, steht da. Doch dafür ist es wohl schon zu spät. Allerdings dürfen wir gespannt sein, ob es von den Lichtspielen des Westens eine zweite Auflage geben wird – bestenfalls im Sommer.

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