Formation 7 im Museum der bildenden Künste Leipzig, 06.12.2017 – 25.02.2018

ERSTER AKT: HATZ

MDBK

2017 hat sich die Projektgruppe Formation 7 gebildet. Diese besteht aus sechs in Leipzig lebenden Künstlerinnen: Anja Heymann, Marie Carolin Knoth, Mandy Kunze, Petra Polli, Oskar Rink und Susanne Wurlitzer. Gemeinsam wählen sie einmal im Jahr eine siebte künstlerische Position, zu der sie sich jeweils mit einem neuen Werk in Beziehung setzen.

In diesem Jahr fiel die Wahl auf das Gemälde BÄRENHETZE von Carl Borromäus Andreas Ruthart (Öl auf Leinwand, 59 x 86,5 cm, undatiert), das die Gruppe im Depot des Museums der bildenden Künste Leipzig fand. Zu sehen ist eine Szene der Hetzjagd, deren Brutalität und Gewalt Ruthart detailgetreu darstellt und schon damals als Folie für die Sichtbarmachung von politischen, religiösen und gesellschaftlichen Mißständen nutzt. Formation 7 nimmt das Thema HATZ auf, wobei sich jede künstlerische Position auf eine ganz individuelle Weise annähert.

ANJA HEYMANN zeigt mit ihrer Arbeit BÄR eine meditative, fast obsessive Auseinandersetzung mit der Nadel. Diese ist Werkzeug und Waffe zugleich. Sie eröffnet damit auch die Frage nach der heutigen Bedeutung von Jagd. Jagen wir noch? Und wonach? Ist es die nächste Liebe? Das nächste fette Schnitzel? Diesen Fragen stehen die Stickereien aus Echt-Haar TAKT II und TAKT III gegenüber. Über elf Jahre hat Heymann ihr eigenes Haar gesammelt und verwandelt dieses nun in Schriftzüge und Herzschläge. In der Performance HAVEALOOK stellen die Darsteller Heymanns Nadeltrophäen zur Schau.

MARIE CAROLIN KNOTH liest die Bärenhetze als Psychogramm zeitgenössischer Verhältnisse. Sie benutzt das Konzept der Jagd in ihrem Gemälde LEIBESKRÄFTE als eine Art Sinnbild, als Informationsträger geistiger, sozialer, politischer, gesellschaftlicher und spiritueller Vorgänge und Zusammenhänge. Das menschliche Miteinander ist seit je her bestimmt durch das ständige Ausbalancieren zwei konträrer  Pole – Liebe und Hass, Frieden und Gewalt, Macht und Ohnmacht, Reichtum und Armut. Es ist diese Ambivalenz, die es unmöglich macht, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – ein ständiges Wechselspiel zwischen Freund und Feind, Freud und Leid.

MANDY KUNZE thematisiert in ihrer Arbeit WELLE vor allem den überwältigenden Aspekt des Jagdgemäldes. In ihrem mehrteiligen Gemälde, das sowohl abstrakt als auch gegenständlich ist, vereinen sich die antagonistischen Kräfte Hund und Bär zu einer einzigen und sich riesig auftürmenden Farbwand, welche alle 18 Leinwände überflutet und über den Betrachter hereinbricht. Assoziationen wie Terrorwelle, Tsunami, Reizüberflutung – aber auch Flow oder Welle des Glücks stellen sich ein.

PETRA POLLI interessiert der gesellschaftliche Aspekt von Verbissenheit, Hatz und Beschleunigung, den die Bärenhetze von Ruthart zum Ausdruck bringt. Ihre Videoarbeit gibt Einblick in die augenscheinlich unberührte Natur des Waldes. Hier vollzieht sich die Hatz vor allem auf akustischer Ebene. Der darüber angebrauchte Betonschriftzug LOSLASSEN möchte sich genau dieser hektischen Entwicklung entgegenstellen.

OSKAR RINK und BENJAMIN KINDERVATTER erschaffen in ihrer Installation JAGDZIMMER eine Kombination aus Gedenkstätte und Jagdzimmer – eine Kritik an der Jagdform Hatz und der heutigen Trophäenjagd, die sie als reine Zurschaustellung von Macht zeigen. Rink und KINDERVATTER erörtern zudem den Rollentausch. Was passierte, wenn Jäger und Gejagter die Plätze tauschten? Wenn das landschaftliche Jagdidyll und das anheimelnde Jagdzimmer mit dem Tod verziert würden? Wenn Überreste eines Menschen über dem flackernden Kamin hingen? Die Installation wird in den ersten drei Wochen der Ausstellung täglich fotografiert, um ihr Verwelken in einer anschließenden Fotoarbeit festzuhalten.

SUSANNE WURLITZER beschäftigt sich in Ihren Arbeiten mit der Kultivierung von Natur durch den Menschen. Auf den ersten Blick mag Rutharts Darstellung eine ursprüngliche Natur vermuten lassen, doch der Eingriff des Menschen ist immanent – domestizierte Hunde und der kultivierte Wald sind nur ein Teil davon. Diese Aspekte finden ihre Fortführung in Wurlitzers Arbeiten. Sie stellt die Frage, ob unsere Naturvorstellung nicht die ist, in der die Natur durch den Menschen beherrscht ist, eine Vorstellung, die das “Ursprüngliche” überformt hat.

 

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