NOCH BESSER LEBEN, 26.04.2018: Weniger ist mehr

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„Sorge“ strahlt uns in leuchtenden Buchstaben von der teilsanierten Gründerzeitfassade entgegen. Der Schriftzug, der im oberen Stock Richtung Karl-Heine-Straße angebracht wurde, könnte passender nicht sein. Zeitweise drohten Bar und angeschlossenem Kulturraum die Schließung. Um die Insolvenz abzuwenden, wurde zum Crowdfunding aufgerufen. Heute beherbergen die oberen Etagen ein Music Hostel und die ehemalige Wohnung, die für Konzerte und Kulturveranstaltungen umgebaut wurde. Die eigentliche Bar, eine Selbstbedienungskneipe, befindet sich im Erdgeschoß und wird von Olaf Walther betrieben, dessen Konterfei über dem Gastraum schwebt. Das junge Mädchen hinter dem Tresen, an diesem Abend die einzige Kraft, erklärt auf Anfrage das Angebot. Essen gebe es keines, denn essen könne man in den umliegenden Imbissen, sie selbst habe für später Erdnüsse da, das Schälchen für 1,- Euro, ansonsten einzelne Zigaretten à 0,30 Euro. Letztere möchten wir bestimmt nicht, da ohnehin schon überall geraucht wird – für Nichtraucher ungewohnt, aber auch nicht störend. Wir entscheiden uns für Gin Tonic und erhalten erneut freundliche und kompetente Beratung. Die Endauswahl fällt auf Brick Gin aus Erfurt, dessen Anisaroma eine wahre Gaumenfreude darstellt und unsere Herzen höher schlagen lässt. Zitrone statt Gurke, Gurke dann in der zweiten Runde, und los geht’s zum Tisch in der Nähe des Schwarzlichtes, in welchem unsere Getränke magisch leuchten. Im Rücken hängt moderne, großflächige Kunst, der formschöne Bartresen mit seinen sechs Hockern ist selbstgebaut. Die drei Tische am Fenster passen mit ihrer reduzierten Formensprache zum Stil des Ladens. Hier gibt es noch Kabel und Rohre über Putz, abgetretene Holzdielen, einen originalen Windfang sowie Garderobe und DDR-Leuchten aus den Siebzigern, alles liebevoll angeordnet und ausgewählt. Die Stimmung ist locker. Es wird Skat gespielt, viel Klosterkorn getrunken, immer wieder Bier – vorzugsweise das Biobier Fattigauer oder das tschechische Pils Staropramen. Die „provisorische Angebotskarte“ bedient die Heterogenität des für Leipzig untypisch bunt gemischten Publikums auf’s Angenehmste: Mit Mött’s Limonade aus Schleußig für Euro 2,90 werden regionale Anbieter berücksichtigt, unter der Rubrik „Zeug“ Kult-Getränke wie „Horst (vorm. Gisela)“ und eine große Auswahl an Mixgetränken – allesamt zu sehr moderaten Preisen. Nur „Brutaler Hansi“ markiert mit Euro 12,- einen Ausreißer, vereint dafür aber auch Tequila, Gin, Eierlikör, Wodka und Cola. Kaffee gibt es konsequenterweise nur als türkische Variante, denn die laute Kaffeemaschine wurde hier zum Glück eingespart. Und genau diese Stringenz und Reduktion machen das Noch Besser Leben zu einem sehr besonderen Ort in Leipzig, der hoffentlich noch lang erhalten bleibt – unbedingt einen Besuch wert.

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