f/stop 2018, 8. Festival für Fotografie Leipzig, 01.07.2018

FStop

Die diesjährige Hauptausstellung in Halle 12 auf der Leipziger Baumwollspinnerei zeigt Vertrautes von Harald Kirschner. Schon häufiger waren die Fotografien zu sehen, die das Erliegen der Arbeit im Leipziger Kirow-Werk im Frühjahr 1991 zum Thema machen.

Die weiteren Komplizen und Satelitten des diesjährigen Festivals für Fotografie besuchen wir zum Teil. In der Galerie b2 staunen wir über kleinformatige  Fotografien von Hayahisa Tomiyasu. In dem separaten Raum gehen wir die gleiche liegende Acht wie das Nashorn im Zoo Leipzig, das in den Arbeiten wieder und wieder die Unendlichkeit der Bewegung zeigt.

In Situ auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz stellt Fotos von Andreas Rost Textcollagen von Elke Rosenfeld und Notizen von Christian Borchert aus dem Jahr 1990 gegenüber. Mehr dieser frei zugänglichen Installationen im öffentlichen Raum wünschen wir uns. Doch wird die Innenstadt aufgrund von Stadtfesten, Konzerten auf dem Marktplatz, Weinfesten, Wochenmärkten und Fluchtwegen langfristig tabu bleiben.

 

 

Sommerausstellung der Abendakademie im Festsaal der HGB, 27. Juni 2018

HGB

Die Abendakademie der HGB bietet jedes Semester mehr als zehn verschiedene Kurse für darstellende und angewandte Kunst sowie künstlerische Fotografie an. Am Mittwochabend eröffnet die gemeinsame Ausstellung. Eine Auswahl von Positionen ist jeweils pro Kurs präsentiert. Die Begrüßung fällt kurz und freundlich aus. Zeitgleich werden wir Zeugen einer ersten, wenngleich unangekündigten Performance: Das Mädchen mit den dunkelbraunen Locken dreht sich immer wieder um die eigene Achse und hält dabei eine Großpackung Toilettenpapier in der linken Hand. Schöner kann ein Drehwurm kaum sein.

 

 

Rooftop Terrace BAR CABANA, 12. Juni 2018

Rooftop

Leipzig hat seit wenigen Wochen eine Rooftop Bar, genauer: die Rooftop Terrace BAR CABANA. Wer jetzt an Rios Copacabana mit gebräunten Schönheiten, Bossa-Nova-Musik, an geschälte Kokosnüsse und die neuesten Havaianas denkt, ist seinen eigenen Sehnsüchten auf den Leim gegangen. Rooftop Bar in Leipzig Ecke Gottschedtstraße bedeutet vor allem einen phänomenalen Blick auf die ehrwürdige Thomaskirche, die im Abendlicht erstrahlt. Die Stehtische, die dem Kirchengiebel direkt gegenüber stehen, sind akkurat angeordnet und ermöglichen jeweils zwei Personen ein entspanntes Plaudern mit Aussicht Richtung Markt. Die Sofaecken im mediterranen Loungestil – so die Eigenbeschreibung – strahlen Bequemlichkeit und Wohlfühlqualität aus, bieten wegen der Brüstungshöhe jedoch nur eingeschränkte Sicht auf die Stadtarchitektur. Der abendrote Himmel macht dies wett und lenkt den Blick auf die Rückseite des Schauspielhauses. Einige Gäste stehen auf, um zu fotografieren. Wir bestellen Aperol Sprizz und beobachten das Treiben. Viele kommen nur kurz in den sechsten Stock gefahren, um die Location zu „checken“. Anscheinend sind es Hotelgäste, die sich noch nicht entschieden haben, wie der weitere Abend verlaufen soll. Sechs junge Herren in schmal geschnittenen, dunklen Anzügen und eine noch jüngere Dame im gleichen Outfit und mit sehr blondem Haar nehmen in der Sitzecke neben uns Platz. „Quotenfrau“ denke ich spontan und frage mich, ob sie alle im nicht unweit gelegenen Bürokomplex als Wirtschaftsprüfer arbeiten. Uns werden Knabbernüsse und weitere Salzgebäcke in einer kleinen Glaskaraffe gereicht. Das in die Hand Schütten funktioniert einigermaßen. Der hohe Salzgehalt lässt weitere Getränke bestellen. Wir amüsieren uns. Wiederkommen werden wir dennoch nicht sehr bald. Dafür sind Einrichtung und Gäste zu austauschbar – wohlmöglich unvermeidbar bei einer Rooftop Bar auf einem Hoteldach.

NOCH BESSER LEBEN, 26.04.2018: Weniger ist mehr

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„Sorge“ strahlt uns in leuchtenden Buchstaben von der teilsanierten Gründerzeitfassade entgegen. Der Schriftzug, der im oberen Stock Richtung Karl-Heine-Straße angebracht wurde, könnte passender nicht sein. Zeitweise drohten Bar und angeschlossenem Kulturraum die Schließung. Um die Insolvenz abzuwenden, wurde zum Crowdfunding aufgerufen. Heute beherbergen die oberen Etagen ein Music Hostel und die ehemalige Wohnung, die für Konzerte und Kulturveranstaltungen umgebaut wurde. Die eigentliche Bar, eine Selbstbedienungskneipe, befindet sich im Erdgeschoß und wird von Olaf Walther betrieben, dessen Konterfei über dem Gastraum schwebt. Das junge Mädchen hinter dem Tresen, an diesem Abend die einzige Kraft, erklärt auf Anfrage das Angebot. Essen gebe es keines, denn essen könne man in den umliegenden Imbissen, sie selbst habe für später Erdnüsse da, das Schälchen für 1,- Euro, ansonsten einzelne Zigaretten à 0,30 Euro. Letztere möchten wir bestimmt nicht, da ohnehin schon überall geraucht wird – für Nichtraucher ungewohnt, aber auch nicht störend. Wir entscheiden uns für Gin Tonic und erhalten erneut freundliche und kompetente Beratung. Die Endauswahl fällt auf Brick Gin aus Erfurt, dessen Anisaroma eine wahre Gaumenfreude darstellt und unsere Herzen höher schlagen lässt. Zitrone statt Gurke, Gurke dann in der zweiten Runde, und los geht’s zum Tisch in der Nähe des Schwarzlichtes, in welchem unsere Getränke magisch leuchten. Im Rücken hängt moderne, großflächige Kunst, der formschöne Bartresen mit seinen sechs Hockern ist selbstgebaut. Die drei Tische am Fenster passen mit ihrer reduzierten Formensprache zum Stil des Ladens. Hier gibt es noch Kabel und Rohre über Putz, abgetretene Holzdielen, einen originalen Windfang sowie Garderobe und DDR-Leuchten aus den Siebzigern, alles liebevoll angeordnet und ausgewählt. Die Stimmung ist locker. Es wird Skat gespielt, viel Klosterkorn getrunken, immer wieder Bier – vorzugsweise das Biobier Fattigauer oder das tschechische Pils Staropramen. Die „provisorische Angebotskarte“ bedient die Heterogenität des für Leipzig untypisch bunt gemischten Publikums auf’s Angenehmste: Mit Mött’s Limonade aus Schleußig für Euro 2,90 werden regionale Anbieter berücksichtigt, unter der Rubrik „Zeug“ Kult-Getränke wie „Horst (vorm. Gisela)“ und eine große Auswahl an Mixgetränken – allesamt zu sehr moderaten Preisen. Nur „Brutaler Hansi“ markiert mit Euro 12,- einen Ausreißer, vereint dafür aber auch Tequila, Gin, Eierlikör, Wodka und Cola. Kaffee gibt es konsequenterweise nur als türkische Variante, denn die laute Kaffeemaschine wurde hier zum Glück eingespart. Und genau diese Stringenz und Reduktion machen das Noch Besser Leben zu einem sehr besonderen Ort in Leipzig, der hoffentlich noch lang erhalten bleibt – unbedingt einen Besuch wert.

Eiscafé Florenz

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Schon von weitem ist die große Eistüte zu erkennen, die als klassisches Werbemittel den Eingang in das Eiscafé markiert. Softeis wird angepriesen und erweitert die Auswahl der über 20 angeblich selbst hergestellten Speiseeise um eine neue, wenn auch Italien sehr ferne Note. Wir finden viel Vorkonfektioniertes vor: Angefangen bei der reich bebilderten Kinderspeisekarte, den dreieckigen Eiswaffeln bis zum vorgedruckten Eiskugelgutschein auf der Theke. Unsere Wünsche nach mehr Individualität werden vom freundlichen Servicepersonal gerne berücksichtigt. Beim zweiten Anlauf klappt es dann auch mit der Bestellung. Der Erdbeerbecher, erweitert um die Eissorten Vanille, Stracciatella und Malaga, sieht appetitlich aus. An sehr steif geschlagener Sahne wurde nicht gespart, auch nicht an roter Soße mit vielen Zusätzen. Der Cappuccino kommt ohne frisch gemahlene Bohnen aus. Ein Pluspunkt ist der Kinderteller „Schnelle Schnecke“, der mit seiner frischen Banane und den zwei Kirschlutschern als Fühlern, die Abbildung in der Karte zu 100 Prozent trifft. Kinder mögen es, wenn hier Verläßlichkeit herrscht. Der große, aber triste Freisitz ist gut besucht. Kiezbewohner treffen sich zum Plausch und geben vielfältige Bestellungen auf, die zügig und mit freundlichen Worten abgearbeitet werden. Wer Freude daran hat, dieses Treiben an einem der selten gewordenen, nämlich kaum gestalteten Plätze zu beobachten, ist im Eiscafé Florenz richtig. Gutes Eis hingegen sollte der Gast an einem anderen Ort suchen. Dieser hängt wie ein Sehnsuchtsbild im großen Gastraum: es ist nicht Florenz, sondern der historische Marktplatz von Leipzig.

 

Formation 7 im Museum der bildenden Künste Leipzig, 06.12.2017 – 25.02.2018

ERSTER AKT: HATZ

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2017 hat sich die Projektgruppe Formation 7 gebildet. Diese besteht aus sechs in Leipzig lebenden Künstlerinnen: Anja Heymann, Marie Carolin Knoth, Mandy Kunze, Petra Polli, Oskar Rink und Susanne Wurlitzer. Gemeinsam wählen sie einmal im Jahr eine siebte künstlerische Position, zu der sie sich jeweils mit einem neuen Werk in Beziehung setzen.

In diesem Jahr fiel die Wahl auf das Gemälde BÄRENHETZE von Carl Borromäus Andreas Ruthart (Öl auf Leinwand, 59 x 86,5 cm, undatiert), das die Gruppe im Depot des Museums der bildenden Künste Leipzig fand. Zu sehen ist eine Szene der Hetzjagd, deren Brutalität und Gewalt Ruthart detailgetreu darstellt und schon damals als Folie für die Sichtbarmachung von politischen, religiösen und gesellschaftlichen Mißständen nutzt. Formation 7 nimmt das Thema HATZ auf, wobei sich jede künstlerische Position auf eine ganz individuelle Weise annähert.

ANJA HEYMANN zeigt mit ihrer Arbeit BÄR eine meditative, fast obsessive Auseinandersetzung mit der Nadel. Diese ist Werkzeug und Waffe zugleich. Sie eröffnet damit auch die Frage nach der heutigen Bedeutung von Jagd. Jagen wir noch? Und wonach? Ist es die nächste Liebe? Das nächste fette Schnitzel? Diesen Fragen stehen die Stickereien aus Echt-Haar TAKT II und TAKT III gegenüber. Über elf Jahre hat Heymann ihr eigenes Haar gesammelt und verwandelt dieses nun in Schriftzüge und Herzschläge. In der Performance HAVEALOOK stellen die Darsteller Heymanns Nadeltrophäen zur Schau.

MARIE CAROLIN KNOTH liest die Bärenhetze als Psychogramm zeitgenössischer Verhältnisse. Sie benutzt das Konzept der Jagd in ihrem Gemälde LEIBESKRÄFTE als eine Art Sinnbild, als Informationsträger geistiger, sozialer, politischer, gesellschaftlicher und spiritueller Vorgänge und Zusammenhänge. Das menschliche Miteinander ist seit je her bestimmt durch das ständige Ausbalancieren zwei konträrer  Pole – Liebe und Hass, Frieden und Gewalt, Macht und Ohnmacht, Reichtum und Armut. Es ist diese Ambivalenz, die es unmöglich macht, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – ein ständiges Wechselspiel zwischen Freund und Feind, Freud und Leid.

MANDY KUNZE thematisiert in ihrer Arbeit WELLE vor allem den überwältigenden Aspekt des Jagdgemäldes. In ihrem mehrteiligen Gemälde, das sowohl abstrakt als auch gegenständlich ist, vereinen sich die antagonistischen Kräfte Hund und Bär zu einer einzigen und sich riesig auftürmenden Farbwand, welche alle 18 Leinwände überflutet und über den Betrachter hereinbricht. Assoziationen wie Terrorwelle, Tsunami, Reizüberflutung – aber auch Flow oder Welle des Glücks stellen sich ein.

PETRA POLLI interessiert der gesellschaftliche Aspekt von Verbissenheit, Hatz und Beschleunigung, den die Bärenhetze von Ruthart zum Ausdruck bringt. Ihre Videoarbeit gibt Einblick in die augenscheinlich unberührte Natur des Waldes. Hier vollzieht sich die Hatz vor allem auf akustischer Ebene. Der darüber angebrauchte Betonschriftzug LOSLASSEN möchte sich genau dieser hektischen Entwicklung entgegenstellen.

OSKAR RINK und BENJAMIN KINDERVATTER erschaffen in ihrer Installation JAGDZIMMER eine Kombination aus Gedenkstätte und Jagdzimmer – eine Kritik an der Jagdform Hatz und der heutigen Trophäenjagd, die sie als reine Zurschaustellung von Macht zeigen. Rink und KINDERVATTER erörtern zudem den Rollentausch. Was passierte, wenn Jäger und Gejagter die Plätze tauschten? Wenn das landschaftliche Jagdidyll und das anheimelnde Jagdzimmer mit dem Tod verziert würden? Wenn Überreste eines Menschen über dem flackernden Kamin hingen? Die Installation wird in den ersten drei Wochen der Ausstellung täglich fotografiert, um ihr Verwelken in einer anschließenden Fotoarbeit festzuhalten.

SUSANNE WURLITZER beschäftigt sich in Ihren Arbeiten mit der Kultivierung von Natur durch den Menschen. Auf den ersten Blick mag Rutharts Darstellung eine ursprüngliche Natur vermuten lassen, doch der Eingriff des Menschen ist immanent – domestizierte Hunde und der kultivierte Wald sind nur ein Teil davon. Diese Aspekte finden ihre Fortführung in Wurlitzers Arbeiten. Sie stellt die Frage, ob unsere Naturvorstellung nicht die ist, in der die Natur durch den Menschen beherrscht ist, eine Vorstellung, die das “Ursprüngliche” überformt hat.

 

Party MdBK, 11. Januar 2018

Der letzte Zug von Berlin nach Leipzig fährt um 21.28 Uhr ab Hauptbahnhof. Mit in Wagen 23 reisen drei weitere Personen. Weiße Stöpsel im Ohr haben wir alle. Angekommen wollen wir schnell nach Hause. Doch Höhe Museum der Bildenden Künste – Rückansicht – bleibe ich stehen. Zu ungewohnter Stunde hat sich dort eine respektable Menschenmenge gebildet. Bestimmt 120 Personen sprechen, schauen, rauchen und scheinen erst den Anfang einer größeren Party zu markieren. Ich rufe L. an, ob er da im Bildermuseum drin sei, er die Eröffnungen um 18 Uhr miterlebt habe und es sich zu kommen lohne. L. sagt, er wisse von nichts, würde aber in 5 min. da sein.

Neuerdings gibt es zu jeder Eröffnung im MdBK Sternburg. Auch jetzt stehen in einer Ecke mindestens zwölf Kästen: alkoholfrei, Alster und eben normal. Gerne greifen alle zu. Die DJs bringen das 20 bis 30jährige Publikum in Fahrt. Eine junge Frau trägt eine rote Jacke mit Rückaufschrift „Marlboro“, dazu eine rote, enge Trainingshose und schwarze Plateauschuhe. Ich denke an den jungen Niki Lauda, doch L. sagt, damit würden wir Niki Unrecht tun.

C. kommt an unseren Stehtisch und ist beschäftigt mit der Vorbereitung des Folgetages. Einige Galerien wolle sie sich noch anschauen, dann vielleicht auch bei der Vernissage um 18 Uhr vorbeischauen. F. erzählt von seinem Wechsel nach Chemnitz. Wir verlassen das Setting kurz nach Mitternacht.

Lichtspiele des Westens, 09.12.2017

Zu Fuß laufen wir über die Klingerbrücke Richtung Westen. Der Wind kommt von vorne und ist eiskalt. Zügig gehen wir weiter. Lichtspiele des Westens hatten wir vor ein paar Tagen auf einer hübsch gestalteten Postkarte gelesen und sind nun neugierig auf die angekündigten Illuminierungen, Aktionen und Basteleien entlang der Karl-Heine-Straße. Es ist nach 19 Uhr. Der Lichtumzug startete bereits ohne uns an der Philippus-Kirche.

Postkarte

Ecke Zschochersche Straße ist die erste Fassade angestrahlt. Wir erkennen ein übergroßes Märchenmotiv und werden durch Musik angelockt. Jetzt sehen wir die kleine Gruppe, die den Rest des Umzugs zu bilden scheint. Sie umringt das übergroße Wesen, das eine anziehende Mischung aus Geist, Schnee- und Mondmann darstellt. Vier Personen bewegen die einzelnen Gliedmaßen, die an Stäben befestigt sind. Gezogen wird das ganze durch eine Art Lastenfahrrad.

M. hat Hunger. Ich auch. Die Asianudeln mit Gemüse, die ein kleiner Stand neben der Schaubühne Lindenfels bereithält, schmecken köstlich, verlieren nur in der Kälte allzu schnell genießbare Temperatur. Doch da kommt auch schon ein hell erleuchteter älterer Herr auf uns zu und bittet uns in sein Reich. Hallo, ich bin der Wunschwächter, sagt er freundlich und führt uns hinein in das Stadtteilbüro. An drei Tischen fertigen eifrige Hände Laternen und beschriften diese mit ihren Wünschen. Der Herr nimmt sie dann mit und hängt sie draußen in die Bäume.

Wunsch_1

Wir möchten nicht basteln, essen unsere Nudeln im Warmen auf und kehren zurück auf die Freitreppe vor der Schaubühne Lindenfels. Gegenüber wird auf der gespannten Leinwand ein Film ohne Ton gezeigt. Es sind scherenschnittartige Szenen wie aus einer anderen Welt, die uns zu späterer Stunde nochmals in einem Fenster im benachbarten Haus begegnen.

Wir wollen irgendwo hinein und ziehen weiter Richtung Westwerk. Die große Halle bietet drei Stände. Wir stürzen uns begeistert auf Restposten von Seife aus den 30er Jahren. Sparmädel erobert unsere Herzen im Fluge und die Verkäuferin betont noch, daß die Seife sehr rückfettend sei – wir die Handcreme also zukünftig weglassen können.

Seife

Draußen steht der DJ auf verlorenem Posten, auch wenn das Licht, das die benachbarte Discokugel verströmt, unschlagbar ist. Nun kommt der Mondmensch in den Hof und dort zur Ruhe. Die Jungs, die ihn gesteuert hatten, holen sich erst einmal einen Glühwein.

Maennchen

Wir schlendern zurück und vorbei an weiteren Lichtinstallationen. Illuminierte weiße Kanister auf einem Holzgestell und die ersten Wunschlaternen erstrahlen. Nur leider fehlen weitere Teilnehmer dieser Lichtspiele des Westens – mutig, eine solche Veranstaltung zu dieser Jahreszeit und mit so großer Konkurrenz unzähliger Weihnachtsmärkte durchzuführen, sagt M.

Im Wullewupp ergattern wir einen attraktiven Sofaplatz und wärmen uns auf, nachdem wir im Hafen, dem Laden für schöne Dinge, ein liebevoll arrangiertes Sortiment – Postkarten, Geschenkpapier, Stifte, Lakritz und Sawade-Pralinen aus Berlin – bewundert hatten. Ist fast schon so wie im Prenzlauer Berg, denke ich. Auch andere finden das und M. holt das Infoblatt hervor, das uns Aktivisten in die Hand gedrückt hatten. Stoppt die Gentrifizierung, steht da. Doch dafür ist es wohl schon zu spät. Allerdings dürfen wir gespannt sein, ob es von den Lichtspielen des Westens eine zweite Auflage geben wird – bestenfalls im Sommer.

Erster Advent in Leipzig, 03.12.2017

 

Die heitere Stimmung des Rokoko, die das Gohliser Schlößchen versprüht, ergänzt am ersten Adventssonntag ein improvisierter Weihnachtsmarkt. Die Holzbuden empfangen uns mit ihrer Kehrseite und konterkarieren damit die einladende Architekturgeste. Doch dafür lächelt der aufgeblasene Weihnachtsmann mit viel heißer Luft im Bauch umso deutlicher. Mit seinem leuchtend roten Kostüm erweist sich dieser rasch als beliebtes Photomotiv.

Eingang

Am größten ist der Andrang am Bratwurststand. Fast 15 Menschen stehen erwartungsfroh an. Auch der Glühwein findet Absatz. Püppchen aus Nepal, Selbstgestricktes, Taschen aus Marokko – ein Sortiment, wie es auch im Eine-Welt-Laden zu finden ist, hat das Nachsehen. Auch wenn es noch so bunt aus den Verkaufshäuschen leuchtet, die Nachfrage fehlt.

Verkauf_2        Verkauf

Im Schloß präsentieren sich Händler aus den unterschiedlichsten Richtungen. Die inhaltliche Klammer könnte Produkte aus Deutschland heißen. Am Eingang stehen zwei stylish anmutende Sorten Schnaps bereit. Und nicht lange wird da gefackelt. Die junge Frau hinter dem Tresen fragt uns keck „Wollen Sie auch mal rot werden?“. Das ist die Aufforderung, das Kirschwasser zu probieren. Um 15 Uhr ist mir noch nicht danach. Andere begrüßen das kostenfreie Angebot. „Pfeffi up your life“ ist dann der zweite Schritt.

Pfeffi1

Es gibt Sofakissen in neuartigen Formen, viel Verkäuferlächeln und leider viel zu wenig, das zum Anlaß und zur Qualität der Räumlichkeiten passt. Entschuldigend sagt dann auch eine der Standbetreuerinnen, nicht alle Adventsmärkte seien so ramschig und durcheinander. Wir sollten doch nächstes Wochenende in die Mädler-Villa kommen. Dort stünde dann neben den Hütten im Garten auch ein großer Zuber bereit. Badeanzug mitnehmen und dann ab in’s heiße Wasser. Noch ein Glühwein dazu und auf die wunderschön illuminierte Villa schauen. Ich bin viel zu irritiert, um zu antworten.

Kissen

Im benachbarten Mediencampus der Villa Ida ist das Niveau höher – entsprechend die Preise. Hier sind Genähtes und Arrangiertes, bemalte Seidentücher und Lampenschirme aus Porzellan von nur einer Person ausgewählt worden, die auch selbst ausstellt. Als ich ihr sage, daß mir ihre Sachen gefallen, ich jedoch nichts kaufen werde, strahlt sie mich an. „Ich bin ein Vier-Jahreszeiten-Betrieb. Das geht auch noch später.“

Ida

Den großen Weihnachtsmarkt in der Stadt umrunden wir, um direkt das Bildermuseum anzusteuern, offiziell Museum der bildenden Künste Leipzig. Gut besprochen sind die neuen Ausstellungen mit Ayse Erkmen & Mona Hatoum und der „Zahle was du willst-Tag“ tut sein Übriges. A. und ihre Mutter zahlen zu zweit zwei Euro. Ich gebe drei. N. ist mit ihren erst zwei Jahren ohnehin frei. Erst einmal Aufwärmen im Café. Die einzelne Dame, die an diesem Wochenende für Bedienung, Abräumen, Zahlen – eigentlich alles – zuständig ist, rotiert zwischen unzähligen Gästen.

Während wir also warten, fülle ich schon einmal die Karte mit den Fragen aus, die wir an der Kasse erhalten haben: Ob ich zukünftig öfter kommen würde, wenn es einen solchen „Pay what you want-Tag“ mehrmals gäbe. Ob wir deshalb gekommen seien. Meine Postleitzahl usw. Wie viel besser wäre es doch, wir wären erst am Ende unseres Besuchs gebeten worden zu zahlen. Sicherlich wären wir dann spendabler, sagt A.s Mutter.

Ticket

Wenig besucht sind die Ausstellungsräume. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freuen sich sichtlich auf ihren Feierabend. Die Lichtarbeit im Treppenhaus, die mit der Frage „Will I be missed?“ lockt, möchte ich mir gerade näher anschauen, doch da geht das Licht auch schon aus – zu spät, fünf Minuten vor Schließzeit, ein anderes Mal also wiederkommen.

Meine ausgefüllte Karte, die ich einer Servicemitarbeiterin anreiche, wirft sie vor meinen Augen und ohne Kommentar direkt in den Müll. Ich sage kleinlaut, auf der Rückseite seien meine Antworten. Das sei doch die Aktion. Nun fischt sie die Karte wieder aus dem Abfalleimer und lächelt – Glück gehabt. Nicht immer ist das so. Die Klangintervention im Beethoven-Raum findet das Servicepersonal so penetrant, dass sie diese nach Belieben einfach ausschaltet. Stimmt, wir sind ja an einem öffentlichen Ort.

 

Eröffnungen Jasper Morrisson und Delft Porcelain im Grassi Museum für Angewandte Kunst, 22.11.2017

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Olaf Thormann, Direkter des Museums, begrüßt uns mit himmelblauem Schal um den Hals. Er strahlt und kündigt uns fünf weitere Redner an. Ich rutsche auf meinem Plastikstuhl herum. Die Pfeilerhalle ist gut besucht und nur die Stühle ganz außen sind noch frei. Die Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke beginnt. Daß der Begriff Thingness, so der Untertitel der Ausstellung zu Jasper Morrison, kaum in’s Deutsche zu übersetzen sei, hatte Herr Thormann bereits erläutert. Ein Weggefährte von Morrisson aus Berliner Zeiten, als die Mauer noch stand und die Stadt günstige Bedingungen für junge Künstlerkarrieren bot, verweist auf das lateinische Prädikat designare. Bezeichnen und Abgrenzen – diese Begriffe gibt er uns mit auf den Weg, um Morrisons Arbeiten zu verstehen, die allesamt supernormal seien.

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Doch ehe wir den Nebenraum betreten dürfen, gilt unsere Aufmerksamkeit weiteren Grußworten. Noch eine zweite Ausstellung wird an diesem Abend eröffnet. Die Repräsentantin der Niederlande hat pfirsichfarbene Puschel als Ohrringe gewählt, die den Farbton ihres Blazers perfekt treffen. Das Haar ist sehr blond und toupiert. Thomas Rudi, der als junger Volontär am Hamburger Kunstgewerbemuseum das erste Mal mit dem Thema Fayencen in Berührung kam, spricht länger. Er hat die Schau vorbereitet und den Katalog erstellt. Seit der ersten Idee sind nunmehr 15 Jahre vergangen.

Wir starten endlich und finden uns wieder in einer Reihung großer staffeleiähnlicher Gebilde aus hellem Holz. Sie präsentieren in chronologischer Reihenfolge ausgewählte Arbeiten von Morrison. Die beschreibenden Texte sind gleich darüber und geben oftmals Einblick in die Entstehungsgeschichte. Ein Sessel sollte, so die Aufgabe, gut transportabel sein und trotzdem, nach raschem und unkompliziertem Aufbau, ein Gefühl von Heimat vermitteln. Das Objekt aus Holz und Leder blieb ein Prototyp. Viele Entwürfe sind unverhofft vertraut: Gläser, Camper-Sandalen, eine Einkaufstasche, Klappstühle und vor allem die Lampe Glo-Ball, deren Licht an den Mond erinnert. Der Effekt wird erzeugt, indem das weiße Opalglas zwischen zwei Schichten aus durchsichtigem, säuregebeiztem Glas gelegt wurde, erfahren wir.

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A. und ich lassen kein Exponat aus. Die Stimmung ist hochkonzentriert. Viele Studierende der Burg Giebichenstein sind da. Da es sehr voll ist, sehen wir gemeinsam aus wie eine Schlange, die sich in langsamem Tempo fortbewegt. Klar, daß es da auffällt und irritiert, wenn ein Besucher zu lange verweilt und damit die gleichmäßige Fortbewegung verzögert. Einige Betrachtungsweisen überraschen uns unvermittelt. Im ersten Moment denke ich noch, die junge Frau vor mir binde sich gerade ihren Schuh zu oder ihr gehe es vielleicht nicht gut und sie müsse sich einfach nur kurz hinsetzen, doch allmählich verstehe ich, was passiert. Nicht nur sie, sondern auch weitere Studierende gehen tief in die Hocke und recken ihre Hälse weit unter die jeweiligen Sitzflächen der ausgestellten Stühle und Sessel. Dort sind Übergänge und verwendete Materialien zu inspizieren. Schade, daß ich nicht zufällig ein praktisches Gerät dabei habe, mit dem man ganz einfach um die Ecke schauen kann – das ich galant verteilen könnte… Videoendoskope für Jungdesigner – als Gimmick im Museumsshop… Das Ende der Ausstellung markieren große Fotografien von Alltagsgegenständen und grandiose Musik, die über Boxen alle hören und die Morrison selbst zusammengestellt hat.

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Vergleichsweise aus der Zeit gefallen wirken die Fayencen, die konventionell in grell erleuchteten Vitrinen präsentiert sind. Manches wirkt so plump und fehlproportioniert, daß A. sagt, es sähe so aus, als hätte sie selbst das mal versucht. Großartig ist die Mitmach-Aktion für Besucher. Wir können jeder eine kleine Kachel gestalten, die auf einer Wand zusammen mit den anderen Versuchen präsentiert wird. Eddings in verschiedenen Blautönen liegen bereit. Ich entscheide mich für ein einfaches Muster. Andere skizzieren Tiermotive. Ein Herr stellt ein Atomkraftwerk dar. Auf einer Kachel lesen wir schlicht Danke, Rudi! Gerührt denke ich daran zurück, daß von der ersten Idee bis zur Realisierung 15 Jahre vergangen sind. Vermutlich ist das der Aspekt, der mich an dieser Schau am meisten fasziniert. Wir schlendern noch durch die Dauerausstellung, die an diesem Abend bis 21.30 Uhr geöffnet bleibt, ehe wir unsere Räder aufschließen und durch die Nacht nach Hause fahren.