Schleußig/Plagwitz, 14.10.2017

L

 

In der Holbeinstraße gibt es eine Art Stadtmöbel – ein zwei Meter hohes Regal, das dank solider Ummantelung selbst Regen und eisiger Kälte trotzt. Die zwei Türen lassen sich mit einem einfachen Haken öffnen und schließen. Schüchterne Pappkartons mit abgelegten Taschenbüchern aus dem letzten Urlaub und zwei bis drei ausgeleierten ZARA-Shirts kennt beinahe jeder aus dem eigenen Treppenhaus. Nicht immer finden diese Dinge ein zweites Leben. Doch dieser Outdoor-Schrank professionalisiert das Thema „Wohin mit meinen zu verschenkenden Sachen“ auf’s Angenehmste.

Mit drei großen Kisten fahre ich vor. Schon aus der Ferne erkenne ich zwei weiß gestrichene Holzstühle und eine häßliche Lampe, die rechts daneben stehen. Hoffentlich verkommt dieser Ort jetzt nicht zum Sperrmüllabladeplatz. Im Regal inspiziere ich eine Wolldecke in Herbstfarben. Zwei Paar Schuhe und einige Bücher runden das Tagesangebot ab. Mein Auffüllen kommt zur rechten Zeit und der erste Interessent ist auch schon da. Er möchte am liebsten gleich mit auspacken. Ich bitte ihn zu warten. Und in drei Wochen werde ich schauen, ob noch etwas übrig ist.

Danach im benachbarten Jimmy Orpheus einen Kaffee trinken, war der Plan. Doch könnte der Zeitpunkt schlechter gewählt nicht sein. Weder ein Parkplatz noch einer der attraktiven Tische draußen sind frei. Das Löffel & Co erscheint als gute Alternative und tatsächlich herrscht hier das genaue Gegenteil. Drei Personen, die irgendwie dazuzugehören scheinen, unterhalten sich angeregt vor der Tür und würdigen mich während meines fragenden Ankommens keines Blickes. Ihr Gesprächsthema plätschert dahin, ehe sich Aktivität einstellt. Noch sind alle Tische unbesetzt.

Laub fegt der Mann nun, genau hinter meinem Stuhl, um es später in einen viel zu dünnen, durchsichtigen Müllbeutel zu stopfen. Die Frau kommt rüber und fragt, was ich möchte. Es ist 11 Uhr. Die Sonne scheint. Der Himmel strahlt. Zögernd frage ich nach etwas, das ich frühstücken könne. Ja, nun räuspert sie sich, also so richtiges Frühstück oder so ein Croissant oder so etwas in dieser Art, so zum eigentlichen Frühstücken, das, wieder räuspert sie sich, habe sie gar nicht. Sie macht eine Pause. Ihr scheint etwas einzufallen. Einen bombastischen Schokokuchen könne sie anbieten, der sei gerade fertig. Der sei so mächtig, daß man danach den ganzen Tag gar nichts mehr zu essen brauche. Das klingt in meinen Ohren wie eine Drohung. Ich bestelle einen Milchkaffee.

D. hatte mehrfach Seidels Klosterbäckerei empfohlen, die nicht weit entfernt ist. Parken auf der Karl-Heine-Straße ist zu dieser Uhrzeit entspannt möglich – sogar gleich vor der Tür. Beim Abschließen nehme ich nur kurz eine große Gruppe wahr, die diagonal die Straße überquert, mich jedoch nicht weiter kümmert. Das Angebot in der Bäckerei ist übersichtlich. Mohn- und Zimtschnecken sind schön anzuschauen. Die Brötchenauswahl ist limitiert. Backwaren aus Dinkel gibt es dienstags und donnerstags. Noch im Entscheidungsprozeß werde ich jäh unterbrochen.

In Richtung meines linken Ohres schreit es mit tönerner Männerstimme – sorry sehr für unsere Verspätung. Offensichtlich ist der Verkäufer hinter dem Tresen gemeint, der sich gerade im Kundengespräch mit mir befindet. Weiter geht es in gesunder Lautstärke für alle – nochmals sorry, wir sind noch aufgehalten worden. Die Gruppe quetscht sich nun in den hinteren Bereich um den Bäckertresen. Geschäftig reicht die herbeigeeilte Frau Schmalzschnittchen auf einem großen Brett über die Theke. Die Gruppe stopft, kaut und schweigt. Das müssen wohl diese geführten Gastrotouren sein, denke ich. Ich zahle, packe eine Zimtschnecke, eine Mohnschnecke und ein Roggenbaguettebrötchen in meine Tasche und gehe.

Ilses Erika 30.09./01.10.2017

Ilses_Erika

Genervt schaut uns das fohlenhafte Wesen an, während sie die Holzstühle verkehrt herum auf die Tische stellt. Der gelbe Putzlappen in der rechten Hand kommt noch einmal kurz zum Einsatz. Jetzt schielt sie zu den Barhockern und möchte endlich Feierabend machen. C., der vor einigen Jahren weg aus Leipzig und zurück in die Großstadt zog, ist zu Besuch. Und klar soll der Abend nicht enden. Er möchte noch weiter, noch mehr Leipzig erleben. Entspannter seien die Leute hier, so ohne Statusdruck und Äußerlichkeiten. Schön, daß man alles zu Fuß oder mit dem Rad erreichen könne.

Ich bringe Ilses Erika in’s Spiel. Gelesen hatte ich, es würde am Abend seinen 19. Geburtstag feiern. Wir machen uns auf den Weg Richtung Süden. Kurz denke ich, das Ilses Erika wird 19. Hört sich grammatikalisch falsch an. Die Ilses Erika klingt auch nicht viel besser. Doch diejenigen, die stundenlang darüber sprechen können, ob es das, die oder der Nutella heißt, waren mir noch nie sympathisch. Am nächsten Tag spricht ein Freund wie selbstverständlich von der Ilse. So einfach also. Die Ilse.

Am Eingang zahlen wir 5 Euro pro Person und lehnen den dunkelblauen Stempel erst einmal ab. Beschlagene Brillengläser bereiten uns auf das vor, was kommt. Zunächst an der Bar etwas zu trinken holen. Seit meinem letzten Besuch sind bestimmt zehn Jahre vergangen. Doch das Interieur ist unverändert. Wohnzimmeratmosphäre und unkomplizierte Musik, die alle mögen.

Die Barkraft hat ihr hochgeschlossenes, schulterfreies Oberteil geschickt in Schwarz gewählt. Die Tattoos kommen so noch besser zur Geltung und das runde Brillengestell vermittelt Strenge mit Augenzwinkern. C. ist begeistert. Auch ich schaue interessiert zu, wie sie unsere Getränke zubereitet.

Wir wagen uns in den Tanzbereich vor. Es ist furchtbar eng und der Junge vor mir zieht direkt sein T-Shirt aus. Kondenswasser läuft die Wände herunter. Noch mehr sprühende Feuchtigkeit, als der Freund des Unbekleideten seine Bierflasche in die Höhe reißt und wie ein Flummi zu tanzen beginnt. Das Bier spüle ich mit Wasser auf der Toilette aus meinem Gesicht. Sehr viel Bier und dies sehr unvermittelt. Kann also nur besser werden.

Ich schiebe mich in die Mitte der Tanzfläche. Zwei erhöhte DJ-Herren blicken cool in die Menge, trinken Club Mate und bedienen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit eine Nebelmaschine. Links von mir ein bunter Vogel, der die Diskokugel spätestens jede dritte Minute wieder in Schwingung versetzt – fast ein bißchen penetrant. Wir werden zu Teenies und flippen aus zu „Feel“ von Robbie Williams. Wir singen laut mit, kreischen fast und haben uns dabei alle furchtbar gern. Eine Frau rechts von mir streichelt meinen Oberarm. Hilfesuchend schaue ich mich nach C. um. Der lehnt immer noch am Rand und kommt nun auch Richtung DJ-Pult.

Jetzt tritt der Bärtige in Erscheinung. Er schnallt das hier alles, beobachtet, macht und tut und organisiert das Glück eines jeden. Vermutlich studiert er Sozialpädagogik oder Psychologie. Zu C. sagt er, er solle doch mehr in die Mitte kommen. Genau, so zusammen mit allen tanzen. Bei „Wake Me Up, Before You Go-Go“ tanze auch ich wie der Flummi und möchte nie mehr woanders sein als in der Ilse.

Donis, der DJ, für den wir zum 19. Geburtstag alle klatschen sollen, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift Don’t speak to me. Someday I’ll fall in love. Ich finde das unglaublich cool und habe lange nichts Vergleichbares gesehen. Als ich später an ihn herantrete und ihn frage, ob er Who‘s That Girl von Annie Lennox spielen könne, sagt er nur ein einziges Wort: NEIN. Ich hätte wissen müssen, wie wichtig es gewesen wäre, ihn beim Wort zu nehmen. Das nächste Mal.

Grassi invites # 4 – Einladung zur Eröffnung, 21./22.09.2017

Grassi

Um 18.00 Uhr wollten wir uns treffen. Ich war viel zu spät dran. Die ganze Stadt war aus mir unbekannten Gründen lahmgelegt und ich kam im Auto einfach nicht schnell genug voran. Am Waldplatz wurde ich geblitzt. Schlechter konnte die Stimmung jetzt nicht mehr werden.

Mein Telefon lag zuhause und empfing Kurznachrichten von L. Er gehe schon mal was essen, die Ausstellung sei nicht so seins. Ich fand schon diese Formulierung eine Zumutung. Später erklärte er, was ihn hatte fliehen lassen: zu viele Leute, nichts konnte er sehen, langweilige Rede, Schlange bei den Getränken. Ich würde ihn erst später sehen, denn dafür war ich zu gespannt auf die Eröffnung.

 

Intro

 

TATTOO & PIERCING hatte eine Fangemeinde junger Tätowierter und Gepiercter angelockt, die sich einerseits selbstverständlich und eloquent in den Sälen und im Foyer bewegte, andererseits überdeutlich machte, wer fehlte – die alteingesessenen Liebhaber des Hauses, meist in Beige- oder Grautönen gekleidet, die Haare nach Trockenshampoo riechend und mit den Nasen immer ganz nah dran an den Vitrinen. Während der offiziellen Grußworte hatten sie freundlich herübergelächelt. Tatsächlich gab es bei dieser Eröffnung so gut wie keinen Menschen, der die 40 überschritten hatte.

Girls

Manche der Anwesenden hatten teilgenommen am Fotoprojekt zuvor. Überlebensgroß waren sie nun auf Flaggen, die als Raumteiler fungierten, zu sehen. Die Europaletten daneben waren mit olivgrünem Samt bezogen – sehr elegant. Begeistert nahmen wir Platz und lauschten per Kopfhörer den sehr individuellen Geschichten. Eine junge Frau hatte ihr Kind in der 30. Schwangerschaftswoche verloren. Die deutsche Gesetzgebung sah damals kein Kindergrab vor, weshalb die tapfere Mutter sich ein Kreuz auf die Hand stechen ließ. Eine andere Person gab an, ihr größtes Ziel sei der komplett tätowierte Körper. Ich konnte schon jetzt kaum noch Haut erkennen, aber an den Arminnenseiten, sehr weit oben, da sei schon noch Platz.

Die Performance begleitete Techno. Wir bildeten einen Halbkreis um die junge nackte Frau mit dem weiß bemalten Körper, die stoisch auf dem Podest hockte und dabei von bunten Mustern und Zeichen angestrahlt wurde. Am spannendsten fand ich den Moment, als sie wieder aufstand. Schnell reichte die Assistentin ein rotes Laken. Klar, ohne Beamerinszenierung kam das irgendwie nicht mehr so cool rüber mit dem Nacktsein.

Performance

L. wartete im Freisitz vor leerem Teller und mit einer Wochenzeitung in der Hand. Der Hubschrauber mit Suchscheinwerfer stand genau über uns und verbreitete Weltuntergangsstimmung. Legida lief wieder, hatte nun auch ich mitbekommen. Der Polizist verdrehte die Augen, während er mir das erzählte. Alle waren wir genervt von der neuerlichen Absperrung in der Innenstadt, dem Polizeiaufgebot, an diesem Abend sogar inklusive Wasserwerfer. L. und ich plauderten belanglos weiter. Immer mehr Polizisten und Demonstranten kamen auf uns zu. L. empfahl, dieses Mal gar nicht erst wählen zu gehen. Man könne ja nun seine Stimme wirklich keiner dieser Parteien geben – am wenigsten wohl dem Gartenzwerg aus Würselen.

Polizei

Plötzlich Tempo. Ein Demonstrant war über die Straßenbahnschienen gelaufen, mindestens 20 Polizisten hinterher. Aus der entgegengesetzten Richtung kamen nun die Legida-Anhänger. Geschlossen stiegen sie in die Straßenbahn, um zurück in ihre Dörfer zu fahren. Ruhe kehrte ein. Polzisten und der Hubschrauber entfernten sich. Auch wir zogen weiter.

Previews Spinnerei 09./10.09.2017

Der Herbstrundgang auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei findet in diesem Jahr am 16. und 17.09. statt. Traditionell eröffnen die ortsansässigen Galerien zu diesem Anlaß ihre neuen Ausstellungen und locken eine illustre Gesellschaft aus Sammlern, Kunstinteressierten und Neugierigen an einen der attraktivsten Orte von Leipzig. Was in kleinem Maßstab begann, hat sich als fester Termin im Kalender etabliert, so daß sehr viele Leipziger einfach gerne wegen der besonderen Atmosphäre kommen: Kunst und Leute gucken, zwischendurch einen Cappuccino oder eine Schorle trinken, das Gefühl haben, mitten „drin“ zu sein und umringt von kaufkräftiger Klientel, die sonst nur zum Bachfest in die Stadt kommt, geschäftstüchtigen Galeristen, Künstlern und Schaulustigen.

 

Dieses Konzept ist jetzt überraschenderweise aufgeweicht, da eine Vielzahl von Previews bereits am Wochenende zuvor stattfindet. Alle zeigen neue Arbeiten, weshalb der Rundgang im Grunde einfach eine Woche hätte vorverlegt werden können. Uns bleibt schleierhaft, warum das so ist, doch ist das Separatistische möglicherweise beabsichtigt. Terminkollisionen mit den Berliner Aktivitäten – Messe und noch mehr Eröffnungen – sollten wohl vermieden werden.

Ich stehe vor einem riesigen Eisberg aus Styropor, dessen Kubatur erstaunlich echt wirkt. Ein kleines Häuschen, möglicherweise eine Forscherstation, krönt den Berg und rutscht dabei fast hinfort. Mittig gibt es eine vertikale Schlucht, die dem Gebilde etwas von Architektur verleiht. Meine Perspektive auf den Eisberg existiert im Grunde gar nicht. Selbst von einem U-Boot aus hätte ich die Szenerie so niemals beobachten können.

In der Galerie THE GRASS IS GREENER wird uns Prosecco angeboten. In der Schüssel auf dem viel zu hohen Tresen stehen Erdnussflips bereit. Warum sollen sich die Galeriebesucher hier wie Kindergartenkinder fühlen, die nur mit Mühe über die Kante schauen können? Dahinter zwei hünenhafte Wesen… Die freundliche Mitarbeiterin erklärt es. Die Höhe verdankt sich der Situation beim Hereinkommen. Da der Boden von der Tür aus massiv abfällt, braucht es vor allem gute Proportionen beim Erstkontakt. Der Blick auf einen unordentlichen Backoffice-Bereich wäre logischerweise keine gute Visitenkarte gewesen.

Gegen 19.30 Uhr macht sich Geschäftigkeit breit. Einige haben die erforderlichen lilanen Bändchen, um am Galeristendinner in Halle 14 teilzunehmen, andere nicht. Das Essen sei bei diesen Anläßen ohnehin nie gut, erfahre ich. Ja, geradezu scheußlich und schlecht. Wenn, dann solle man besser erst zur Party ab 23 Uhr kommen, andererseits, da man ja jetzt schon einmal hier sei… P. bietet an, nachdem er mit Bändchen am Türsteher vorbeigegangen sei, dieses H. herauszureichen, damit dieser es dann mir ummachen könne. P. bräuchte es natürlich wieder zurück danach.

Ich lasse mich darauf ein und befinde mich nun in einem schlicht dekorierten Raum, dessen Weite und Deckenhöhe genauso gut auf eine gepflegte Technoparty verweisen könnten. Statt des DJ-Pultes gibt es eine improvisierte Bar. Mittig stehen runde Tische mit abwechselnd weißen und roten Stühlen – ein bißchen Industrieschick – an den Seiten parallel gestellte Bierzelttische und Bänke. Sehr exakt ist dies alles ausgerichtet. Die mit den Namen der Galerien beschrifteten Tische zeigen an, wer wo sitzen darf. Zwei Tische pro Galerie sind Standard, vermute ich.

Als die ohne Bändchen freue ich mich, daß M. mich auffordert, an einem seiner Tische Platz zu nehmen. Die jungen Männer neben mir sind sehr aufgeregt. Geraucht haben sie schon und jetzt soll die Proseccoflasche mit einem Küchenmesser geköpft werden. Ich kenne diesen Brauch nur von Corpsstudenten mit Säbeln unter anachronistischem Stern, doch macht der Herr hier keine Späße. Auch wenn er zum Ansetzen des Messers hinter unseren Tisch tritt und mir danach viel zu lang berichtet, wie versiert er in dieser Technik sei – die übrigens auf Napoleon zurückgehe – so verheimlicht er nicht, daß er das Köpfen auf seiner eigenen Hochzeit vermasselt habe. Ich verstehe jetzt, warum er dieses Ritual auch zu den unpassendsten Gelegenheiten wiederholen muß.

 

Dinner

 

Wir essen Caponata Sizzili, Focaccia, Zuppa Pavese, Risotto und zum Schluß Panna Cotta. Die angepriesenen Weinbergpfirsiche zum Dessert kommen aus der Dose. Vor meinem inneren Auge tut sich ein Eisbecher Pfirsich Melba der schlechteren Sorte auf. Den Espresso zahlen wir selbst an der Bar.

Bevor die Party schräg gegenüber beginnt, wird geraucht, was das Zeug hält, vornehmlich Tabak ohne Filter. Die Musik im Innenraum ist schlecht, doch alle wollen wir tanzen, reißen unsere Arme in die Luft zu billigem Elektropop und sind dankbar für David Bowie und Talk Talk, die uns um das junge Mädchen in blauer Trainingshose mit Mustershirt kreisen lassen. Die Schönste des Abends hat ihr feines Oberteil in Chanel-Beige mit einem Tropfen roter Soße ruiniert, doch korrespondiert der Fleck farblich mit ihrem Lippenstift. Den Rest richtet der Mantel, der leicht geschlossen geheimnisvoll aussieht.

Tuer

Alle sprechen furchtbar viel, lächeln andauernd und sind eine riesengroße Megagruppe vor der Tür zur Partylocation. Undine erklärt, jetzt nach zwei Jahren sei sie voll „drin“ und mache auch Führungen über das Spinnereigelände. David Zwirner habe in New York wesentlich dazu beigetragen, daß die Leipziger Schule so bekannt sei und das Figürliche gerettet. Fleur, die erst vor kurzem aus Saarbrücken nach Leipzig gezogen ist, sagt, nicht jeder würde auf dieser Welle schwimmen. Bei aspn – sie spricht es „ESPPNN“ aus – sei doch immer wieder auch Konzeptionelles zu sehen. Ich gehe noch eine Runde tanzen – zu dieser schlechten Musik. Trotz der Feuermelder wird nun auch im Innenraum geraucht. Nur so ganz darunter solle man sich bitte nicht stellen.

Gegen 03.00 Uhr fahren wir nach Hause. Der nächste Morgen ist katerfrei.

Cospudener See, 30.08.2017

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Ein Schwarm ist eine große Anzahl von Tieren der gleichen Art, die sich scheinbar ungeordnet gemeinsam fortbewegen. Daran denke ich, als ich zu später Stunde entgegen den Strom auf meinem Rad Richtung Nordufer des Cossi fahre. Es ist der letzte heiße Sommertag, der Baden im See, Lagern am Ufer und neue Mückenplage verheißt. Die vielen schlichten Retroräder, Gepäckträger vorne, meist ohne aufgeschnallten Inhalt, rehenhafte junge Mädchen, deren Spannungsbogen sich zwischen Tanktop und Kleidchen mit Spaghettiträgern erschöpft, gesäumt von jungen Männern, die selbstverständlich immer noch diese ungepflegten Vollbärte tragen, stehen für Semesterferien ohne Reue, deren größter Inhalt „Chillen“ und „sich einfach mal keine Platte machen“ heißt. Angekommen zwischen Schilf, nach erledigter Aufräumarbeit, die bedeutet, drei ausgetrunkene Bierflaschen so weit wie möglich in den Hinterhalt zu schieben, zumindest so, daß ich sie nicht mehr zu sehen brauche, möchte ich beginnen, wieder die nahenden Enten zu beobachten, so wie damals mit D. Doch die zwei jungen Männer im Wasser sind ungeahnt laut. Es geht gar nicht anders als zuzuhören. Und was erfahre ich? Abgenommen hat der eine, seit er regelmäßig Sport macht, Kraftsport, versteht sich. Ja, jetzt müsse man sich dann wohl auch anders ernähren. Mehr Eiweiß, und so. Da könne man mal was im Internet lesen. Und wenn er dann noch zukünftig das Bier weglassen würde, das wäre echt „krass“. Noch mehr Gewichtsverlust, einfach so. Nun geht die junge Frau in’s Wasser: eine schwarze Miederhose mit beigefarbenem Still-BH. Ich bin zu weit weg von dieser Szene, als daß ich einzuschätzen wüßte, ob dies ein modisch-mutiges Statement ist oder einfach nur Still-Laissez-Faire. Zumindest ist der Säugling im angegliederten Kinderwagen – selbstredend in Dunkelblau – erstaunlich still. Aus dem Wasser kommend, zieht sie sich oben herum aus. Bewundernd erkenne ich an, daß beide Jungs davon keine Notiz zu nehmen scheinen. Zu sehr sind sie mit weiteren Fragen ihrer nächsten Herausforderung beschäftigt. Die Freundin des Freundes desjenigen, der dank Sport so erfolgreich Gewicht verloren hat, wird während des baldigen Fernostaufenthaltes Geburtstag haben. Zu wenig Zeit war für die Vorbereitung eines phantasievollen Geschenks. Nun ist es ein Fred-Perry-Shirt geworden, glücklicherweise dank der Bekanntschaft mit X um 30% preisreduziert. Frau Still-BH schaltet sich ein: Ach, das sind diese T-Shirts mit dem Affen. Das ist Paul Frank, möchte ich schreien – was für ein Faux Pas, aber das geht natürlich nicht. Der zweite Mann interveniert, beteuert, in seiner Stufe damals in der Schule sei kein Markenbewußtsein gewesen. Fred Perry schwindet dahin. Tatsächlich kommen erste Enten in meine Richtung. Schade, das Telefon klingelt. Dateien hatten nicht heruntergeladen werden können. Wie absurd, das am See verhandeln zu müssen. Die Gruppe links von mir bricht auf. Der letzte Bus fährt bald. Und wer möchte schon bei Dunkelheit am Cossi verharren. Morgen feiert Annika Geburtstag, geht es weiter. Erst einmal ein total gechilltes Frühstück, dann Bouldern und abends die Party. Sei das nicht ein bißchen viel auf einmal, möchte Madame wissen. Doch die anderen sind sich sehr sicher: Was kann es Besseres geben, als den Geburtstag komplett im Freundeskreis zu verbringen – von morgens bis in die Nacht – voll ausgeschöpft. Auch mich erschöpft dieses Geplapper, das langsam versiegt, je näher  der Bus kommt. Soll ich Heldin spielen und alle ausgetrunkenen Bierflaschen wie Ostereier im Schilf suchen und in meinem Fahrradkorb Richtung Innenstadt transportieren, in einem Späti abgeben und mir nachts die Medaille für Umweltschutz an’s Revers heften? Nein, nicht mit mir. Der Rückweg ist eine Abfolge von roten Rücklämpchen, die sich paarweise zurück in’s Zentrum bewegen. Einzelne Raser müssen viel Staub aufwirbeln, um drei Minuten früher den Bahnübergang zu erreichen. Wir warten im Schwarm. Am Wildpark machen die besonders Lustigen mit vollem Lippen- und Gutturaleinsatz vermeintliche Wildschweingeräusche. Ich bin so froh, daß sie alle jetzt hier sind – Millenials – oder wie immer sie benannt werden möchten. So viel erfrischender sind sie als die Rollerblades-Familien, die ich ehedem mit der Umrundung des Cossi verband, Kampfhund inklusive. „Brot und Kees“ muß eine Goldgrube sein. Mindestens ein Viertel des Schwarms hatte sich dort noch für eine vegane Kugel Eis von was auch immer entschieden. Mutige kauften wohlmöglich die Gebäcktüte für 5,60 Euro. Ich bin traurig, nicht häufiger am See gewesen zu sein. Die roten Rücklichter leuchten auf der Karli noch einmal auf und lange nach. Das hatten die Eltern ihren Kindern mit auf den Weg gegeben – denk an funktionierendes Fahrradlicht.

Sachsenbrücke, 17.08.2017

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Das Setting ist komplett verändert. „Curry Bar“ leuchtet in großen roten Lettern über der Bretterbude, von der ich annehme, daß sie für ein Fest am Wochenende bereits heute aufgestellt wurde. Gegenüber fassen Toyota-Flaggen ein Areal aus Europaletten ein. Die zwei jungen Frauen haben sich dort mit Mädchengetränken – gefärbter Sekt und neumodischer Cider – niedergelassen. „Voll krass, der… – es folgt ein unbedeutender Jungenname, der mir sofort wieder entfällt – wird jetzt schon 27.“  Die engagierte Jungsgruppe, mutmaßlich Physiker oder mindestens Bauingenieure, hat weitere Paletten auf die Brücke gezerrt und macht es sich mit Nachdruck gemütlich.  „Ist das schon leer?“ Der Flaschensammler freut sich, als ich ihm meine ausgetrunkene Radlerflasche anreiche. Kurz und pragmatisch werden die restlichen Tropfen über dem Brückengeländer ausgekippt. Dann wandert die Flasche zu weiterem Leergut in den geschulterten Stoffbeutel. Rechts findet sich ein Copa Cabana-Schirm mit silbernem Lametta und kleinen Glühbirnchen, die langsam erlischen. Das Feuer gegenüber, dessen Geruch an Zeltlager im Herbst erinnert, ist nun auch ausgegangen. Skateboards rollen vorbei. Die Fahrraddichte nimmt zu. Vereinzelt sind Gesichter hell erleuchtet, wenn die Mobiltelefone gezückt werden, um Uhrzeit oder neue Nachrichten zu checken. Türkischer Rapgesang – oder libanesisches Gedudel – in jedem Fall etwas, das in jeder besseren Imbissklitsche als Hintergrundmusik durchgehen würde, ertönt. Die Jungs auf den Paletten bekommen Besuch von Katharina. „Du mußt die Treppe nehmen.“ Ich brauche das nicht zu verstehen. Nun ertönen Klangschalen. „Wußtet Ihr, daß es das ‚Besser Leben‘ gibt?“, fragt Europaletten-Chefe. Sein Freund will witzig sein und sagt „Na, das ‚Am besten Leben‘ gründen wir noch.“ Doch das Gespräch driftet ab, denn Katharina hat Kekse mitgebracht. Die Klangschalen ergänzt Gesang. Jemand atmet „oh…“. Ein Moped sprengt die Kulisse. Die Westernstadt wird heute erst spät schlafen.

Kohlweg, 09./10.08.2017

Die Fußgängerbrücke, die über die Eisenbahnschienen führt, unterbricht den Kohlweg, dessen südliches Ende in den Avantgardebezirk rund um die Eisenbahnstraße weist. Nördlich gelangt man nach Schönefeld. Ausreichend Getränke – Bier und Radler – hatten wir bei dem jungen Türken am Tresen bezahlt, der die zentralen Kühlschränke in Selbstbedienung regelmäßig auffüllt, um Nachbarn und Studierende auch nach 22 Uhr zu versorgen.  Ungelenk bestieg ich mein Fahrrad, während die Freunde des Verkäufers ihren Auftritt vor dem erleuchteten Schaufenster fortsetzten. Ihre kantig rasierten Hinterköpfe, die raschen Wortwechsel und das permanente Gefummel mit billigen Smartphones erlebten wir als Multi-Kulti-Charme, den wir in Leipzig oft vermisst hatten. Mehr und wertvoller war das da plötzlich und vermeintlich anders als ein einfacher „Späti“, wie er in der Südvorstadt vielerorts anzutreffen ist.  Die Zigaretten befanden sich in der Nylon-Vaude-Tasche, die D. während der Fahrt diagonal schulterte – optisch ein Zitat aus den Neunzigern, das dort ansonsten nicht zu finden ist. Auf der Brücke saß bereits ein einziges Paar, deutlich jünger als wir. Mit Sicherheitsabstand setzten wir uns daneben. Auch wir suchten die grandiose Aussicht auf Stadt und Schienen und schützten unser Gespräch vorsorglich vor lautem Geplapper und Gelächter. Der Asphalt war noch warm und erinnerte an ein elektrisches Wärmkissen, gerade eingestöpselt und gerne von Rückenkranken und Einsamen genutzt. Das Metallgitter der seitlichen Brückenbefestigung war unsere Rückenlehne und kalt. Die hellen Laternen unterstützten den Großstadteindruck. Ungewöhnlich stark war der Zugverkehr unter uns, dafür die Anzahl der Menschen, welche die Brücke von Süden nach Norden passierten, gering.  Zwei Männer in Cargohosen trugen Preßspanplatten in Türgröße an uns vorbei. Als sie zurückkamen, war ein kleines Fenster in die Tür geschnitten. Noch ein Paar setzte sich. Der Taillenbund des Mädchens endete weit über dem Bauchnabel, die Kunstledertasche war klein und mit schmalem Band – eine Ode an die 80er und bei h&m sicherlich im Dauersortiment zu kaufen. Ihr Freund gab ihr „be brave“ mit auf den Weg, während sie sich raschen Schrittes Richtung Schönefeld entfernte. Ihr Gesicht war zu schwach beleuchtet, als daß ich später erkennen konnte, ob sie Drogen gekauft hatte oder einfach nur im Gebüsch Pinkeln war. Die nächste Kleingruppe trug eine verschlossene Flasche Sekt vor sich her. Das Knallen des Korkens einige Minuten später erinnerte an Silvester.  In der Eckkneipe an der Eisenbahnstraße mit leuchtend roten Plastikstühlen vor der Tür, bekannt aus billigen Strandbars in Italien und Spanien, gab es nicht nur die Möglichkeit, unkompliziert zur Toilette zu gehen, sondern auch Tischtennis zu spielen. Wir kauften neue Getränke, um nicht den Eindruck zu erwecken, ausschließlich die attraktiven Serviceangebote nutzen zu wollen. Die Discokugel hing im großen Gastraum mittig. Das rote Sofa stand auf der ehemaligen Bühnenempore, die durch die neue Anordnung der Möbel die Blickrichtung gewechselt hatte. Das Publikum war nun die Bühne. Als zwei der wenigen Gäste waren wir gegenüber Barkraft und seiner Entourage in der absoluten Minderheit.  Die Mischung aus Basecap und Schiebermütze, kombiniert mit kurzen Hosen, möglicherweise Tennissocken und geschätzten zehn Freunden, die an der Bar rumhingen und zum Inventar dazuzählten, was er uns freundlich, aber bestimmt zehn Minuten vor Schließung mitteilte, hatte etwas betont Lässiges. D. war von Anbeginn einverstanden mit disparater Musik, improvisiertem Setting und erwog sogar, Tischtennis zu viert zu spielen, wohingegen ich mich erst bei Musik à la Velvet Underground zu entspannen begann und froh war, daß alle im Innenraum rauchten und unförmige Aschenbecher aus Glas auf den Resopaltischchen bereitstanden.  Die Großgruppe Studierender, von D. als „Expedia“ betitelt, von mir ebenso falsch als „Erasmus“ benannt – mittlerweile müssen Generationen seit „Sokrates“, das nach „Erasmus“ folgte, vergangen sein – blieb nur kurz. Sie zogen weiter zu etwas, das als „flat“ oder „WG“ beschrieben wurde. Wir wußten nicht, ob dies ein Club oder einfach nur die Bleibe von einem der Beteiligten war. Auch hier verströmten die englischen Wortfetzen etwas Cosmopolitisches, das wir bereitwillig aufsaugten. D. bedauerte, gleich wieder in seinen Kiez am Südplatz zurückradeln zu müssen. Wäre es doch so viel naheliegender, in einer der benachbarten Seitenstraßen den Schlüsselbund aus der Tasche zu ziehen und dort seine Wohnungstür aufzuschließen.  Das schwarz gekleidete Wesen neben mir, das auf dem Teppichboden in unregelmäßigen Abständen eine Mischung aus Poweryoga, laszivem Hüftschwung und einer „Ich bin müde-Performance“ veranstaltet hatte, dafür allerdings viel zu wenig bewundernde Blicke der Expedia-Teilnehmer erhielt, sprang unvermittelt auf, als wieder das Signalwort „flat“ fiel. Der Barmann trauerte der Gruppe nicht nach, zumal diese ihre Drinks selbst mitgebracht hatten.  Wir fuhren bei Regen nach Hause und freuten uns, wie rasch wir das Zentrum erreichen konnten. Es waren keine 15 Minuten. Und der Abend hatte uns nicht einmal 20 Euro gekostet.