Sachsenbrücke, 17.08.2017

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Das Setting ist komplett verändert. „Curry Bar“ leuchtet in großen roten Lettern über der Bretterbude, von der ich annehme, daß sie für ein Fest am Wochenende bereits heute aufgestellt wurde. Gegenüber fassen Toyota-Flaggen ein Areal aus Europaletten ein. Die zwei jungen Frauen haben sich dort mit Mädchengetränken – gefärbter Sekt und neumodischer Cider – niedergelassen. „Voll krass, der… – es folgt ein unbedeutender Jungenname, der mir sofort wieder entfällt – wird jetzt schon 27.“  Die engagierte Jungsgruppe, mutmaßlich Physiker oder mindestens Bauingenieure, hat weitere Paletten auf die Brücke gezerrt und macht es sich mit Nachdruck gemütlich.  „Ist das schon leer?“ Der Flaschensammler freut sich, als ich ihm meine ausgetrunkene Radlerflasche anreiche. Kurz und pragmatisch werden die restlichen Tropfen über dem Brückengeländer ausgekippt. Dann wandert die Flasche zu weiterem Leergut in den geschulterten Stoffbeutel. Rechts findet sich ein Copa Cabana-Schirm mit silbernem Lametta und kleinen Glühbirnchen, die langsam erlischen. Das Feuer gegenüber, dessen Geruch an Zeltlager im Herbst erinnert, ist nun auch ausgegangen. Skateboards rollen vorbei. Die Fahrraddichte nimmt zu. Vereinzelt sind Gesichter hell erleuchtet, wenn die Mobiltelefone gezückt werden, um Uhrzeit oder neue Nachrichten zu checken. Türkischer Rapgesang – oder libanesisches Gedudel – in jedem Fall etwas, das in jeder besseren Imbissklitsche als Hintergrundmusik durchgehen würde, ertönt. Die Jungs auf den Paletten bekommen Besuch von Katharina. „Du mußt die Treppe nehmen.“ Ich brauche das nicht zu verstehen. Nun ertönen Klangschalen. „Wußtet Ihr, daß es das ‚Besser Leben‘ gibt?“, fragt Europaletten-Chefe. Sein Freund will witzig sein und sagt „Na, das ‚Am besten Leben‘ gründen wir noch.“ Doch das Gespräch driftet ab, denn Katharina hat Kekse mitgebracht. Die Klangschalen ergänzt Gesang. Jemand atmet „oh…“. Ein Moped sprengt die Kulisse. Die Westernstadt wird heute erst spät schlafen.